Wie drei unterschiedliche Patienten ihre Beziehung zum Arzt gestalten

Kürzlich ist mir während meiner Sprechstunde mal wieder aufgefallen, wie unterschiedlich meine Patienten sind, und auf wie vielfältige Weise sie die Beziehung zu mir gestalten.

Ich möchte Ihnen zunächst von Herrn Stöhr berichten. Er ist 54 Jahre alt und scheint immer genau zu wissen, was er von mir will. Zu den Terminen erscheint er stets gut vorbereitet. Ich begrüße ihn an der Tür vom Wartezimmer und gehe mit ihm in mein Sprechzimmer. Er nimmt das Gespräch dann meist selbst in die Hand. Er gibt mir einen Überblick, über welche Themen er heute mit mir sprechen möchte. Gelegentlich hat er einen kleinen Notizzettel dabei, damit er nichts Wichtiges vergisst.

Herr Stöhr übernimmt dabei ganz selbstverständlich die Gesprächsführung und leitet mich durch seine Themen. Manchmal möchte er lediglich die aktuellen Laborwerte von mir erfahren und besprechen, ob eine Veränderung seiner Diabetestherapie notwendig ist. Manchmal hat er aber auch ein besonderes Thema, das ihm am Herzen liegt. Kürzlich war dies seine Planung für eine Reise nach Südamerika. Er wollte wissen, ob er wegen seines Diabetes dabei etwas Spezielles beachten muss. Nie vergisst er, mich am Ende unseres Gesprächs zu fragen, ob ich noch einen zusätzlichen Punkt habe, den wir besprechen sollten. Herrn Stöhr kann und muss ich das Feld überlassen.

Eine andere Patientin ist Frau Tromm. Sie legt Wert darauf, attraktiv zu erscheinen und es gelingt ihr auch. Sie hat einen Typ 1-Diabetes und kommt ein- bis zweimal im Jahr zu mir. Dabei fällt mir eine Eigenart an ihr auf: Sie duzt mich beständig. Ich hingegen sieze sie und habe ihr das Du auch nie angeboten.

Am Anfang ist mir ihr Duzen gar nicht so richtig aufgefallen. Ich meine mich zu erinnern, dass sie die direkte Anrede eher vermieden hat. Im Verlauf der Jahre kam ich aber nicht umhin festzustellen, dass sie mich immer nur duzt. Dabei spricht sie mich nie mit meinem Vornamen an. Aber ein „Sie“ oder ein „Herr Klinge“ habe ich auch noch nie von ihr vernommen. Sie bleibt konsequent beim Du.

Das Duzen von Frau Tromm war mir lange Zeit rätselhaft. Aber noch rätselhafter war mir mein eigenes Verhalten. Ich habe nie den Versuch unternommen, sie auf die unpassende Anrede anzusprechen. Dabei bin ich sonst eigentlich nicht um ein offenes Wort verlegen. Irgendetwas hielt mich zurück.

Ich habe mich gefragt, ob ihr Duzen etwas mit mir persönlich zu tun hat. Sollte ich mich „angemacht“ fühlen? Ich begann zu beobachten, wie Frau Tromm mit den anderen Mitarbeitern in der Praxis umgeht. Und auch hier duzt sie einfach jeden. Dort fällt es aber weniger auf, da sich unsere jungen Arzthelferinnen mit gleichaltrigen Patientinnen häufiger duzen.

Als Frau Tromm mal für ein paar Tage im Krankenhaus war, erzählte mir eine Diabetesberaterin, dass Frau Tromm auch dort alle Mitglieder des Diabetes-Teams ungefragt geduzt hat. Sie hatten dort im Team auch überlegt, ob es etwas mit ihnen zu tun hatte.

Diese Beobachtungen entspannten mich. Ich musste das Duzen also nicht persönlich nehmen. Damit verlor das Thema für mich seine Brisanz. Auffallend und ungewöhnlich blieb es aber dennoch.

Mit der Zeit bekam ich eine Vorstellung davon, was Frau Tromm dazu brachte, das medizinische Fachpersonal grundsätzlich zu duzen. Ich vermute, dass es etwas mit der Rollenverteilung zwischen Patient und Arzt zu tun hat. Auch im langjährigen und vertrauten Verhältnis zwischen Patient und Arzt bleibt eine Differenzspannung bestehen.

Die Rolle des Arztes ist die eines beratenden Spezialisten. Das Verhältnis zu seinen Patienten ist ein berufliches und auf deren Erkrankung bezogen. Der Patient hingegen ist im Kontakt zum Arzt nicht in einer professionellen, sondern in einer privaten Rolle. Die Spannung wird noch zusätzlich verstärkt, da es sich um eine Beziehung zwischen einem Kranken und einem Gesunden handelt. Von beiden Beteiligten muss dies ausgehalten werden, und genau das fällt Frau Tromm so schwer. Ich denke, dass das Duzen die Spannung für sie reduziert. Möglicherweise wird sie erst hierdurch für sie aushaltbar, und sie fühlt sich weniger krank.

Dass es sich nicht um eine wirkliche Lösung der Spannung handelt, erkenne ich daran, dass jetzt ich die Spannung auszuhalten habe, die durch das unpassende Duzen entsteht.

 

Wenn Herr Schwarzer einen Termin bei mir hat, bedeutet das immer eine kleine Herausforderung. Er ist ein Mann von Mitte sechzig, bestimmt einen Meter achtzig groß und von überwältigender Statur. Er gestaltet das Verhältnis zu mir sehr kraftvoll. Und das nicht nur sinnbildlich. Sein Händedruck zur Begrüßung ist so kräftig, dass ich aufpassen muss, ihn ausreichend kräftig zu erwidern. Als ich ihn erst kurz kannte und seine Eigenart noch nicht realisiert hatte, tat mir nach der Begrüßung immer eine Zeit lang die Hand weh.

Bei jedem unserer Termine leitet der kräftige Händedruck ein nicht minder druckvolles Gespräch ein. Ich habe dabei immer das Gefühl, mich gegen einen latenten Vorwurf wehren zu müssen. Dies geschieht fast unmerklich und ohne dass Herr Schwarzer einen Vorwurf ausspricht oder auch nur andeutet. Ich habe diesen unangenehmen Eindruck bei jedem unserer Termine.

Seine Sätze beginnt er gerne mit einem „Lieber Herr Dr. Klinge, ich muss Sie einmal fragen…“. Dann folgt direkt die Schilderung eines Erlebnisses, die immer in eine Frage mündet.

Fragen gestellt zu bekommen und richtige Antworten zu geben ist eine der Haupttätigkeiten eines Arztes und mir sehr vertraut. Die Fragen von Herr Schwarzer strahlen aber eine solche Kraft ab, dass ich mit der Antwort genauso gegenhalten muss, wie beim Händedruck zur Begrüßung.

Dabei habe ich mit der Zeit festgestellt, dass Herr Schwarzer sehr gut damit umgehen kann, wenn ich keine Antwort auf eine Frage habe und das offen sage. Vage oder ausweichende Antworten werden von ihm aber sofort aufgespürt und kommentiert.

Die Gespräche mit Herrn Schwarzer sind eher ein Kräftemessen als eine typische ärztliche Konsultation. Er testet jedes Mal, ob ich kräftig genug für ihn bin. Bis jetzt klappt das ganz gut. Ich muss aber jedes Mal meine Kräfte sammeln, bevor ich ihn aus dem Wartezimmer abhole.

 

Bei der Beschäftigung mit diesen drei sehr unterschiedlichen Patienten fällt mir auf, dass sie alle drei eine spezielle Art haben, die Beziehung zu mir zu gestalten. Und dies wirkt sich direkt auf mich aus.

Mein Handeln in der Arzt-Patienten-Beziehung ist auch eine sehr spezielle Antwort auf die sehr speziellen Anforderungen, die an mich durch manche Patienten gestellt werden. Diese Anforderungen sind nicht medizinischer Natur.

Ich lehne mich entspannt zurück und nehme hin, dass die Gesprächsführung vom Patienten ausgeht. Ich halte die Spannung aus die entsteht, wenn ich ungefragt geduzt werde. Ich antworte auf die Notwendigkeit, kräftig zu agieren, um dem Patienten im Widerpart den Halt zu geben, den er offensichtlich benötigt.

Patienten, die die etablierte Rollenverteilung auf ihre Weise verändern, erfordern von mir Beweglichkeit. Wenn es mir gelingt, diese Antwort zu finden, erlebe ich dies regelmäßig als eine besondere Befriedigung in meinem Beruf.

 

1 Kommentar Artikel twittern

 

1 Kommentar



  1. Wunderbar! Sehr bewegend!

    Harm vor 6 Jahren