Die Geschichte einer Frau mit einer schwerkranken Tochter

An einem späten Dienstagvormittag im Dezember hole ich Frau Martin aus dem Wartezimmer und setze mich mit ihr in mein Sprechzimmer. Draußen ist es klirrend kalt, so dass ich mich über ihre dicke, gestrickte Wollmütze nicht wundere. Sie nimmt die Mütze aber auch in meinem sehr warmen Sprechzimmer nicht ab.

Kaum, dass wir Platz genommen haben, breitet sich eine schwere Traurigkeit aus, und ich erinnere mich, dass vor knapp einem Jahr ihre Tochter an Brustkrebs gestorben war. Mit dem Beginn der Krankheit der Tochter war der Diabetes von Frau Martin entgleist. Es gelang ihr nicht mehr, die Blutzuckerwerte im gewünschten Bereich zu halten. Ihre Energie, von der sie sonst reichlich zur Verfügung hatte, war in der Betreuung der Enkelkinder und in der schweren Trauer schnell aufgebraucht.
Eine solche Erschütterung in ihrem Leben hatte die sonst gut funktionierende Selbstbehandlung ihres Diabetes schwer behindert. Ich war darüber nicht überrascht. Ihr Diabetes war zu diesem Zeitpunkt das Letzte, um dass sie sich kümmern konnte und wollte.

Wahrscheinlich sind in Deutschland 8 Millionen Menschen an einem Diabetes mellitus erkrankt. Bei etwa der Hälfte ist die Erkrankung noch gar nicht diagnostiziert worden. Denn bei den allermeisten Menschen verursachen die erhöhten Blutzuckerwerte keinerlei Beschwerden. Meist steigt der Blutzucker über viele Monate und Jahre so langsam, dass die dabei entstehenden Beschwerden wie Müdigkeit, leichtere Erschöpfbarkeit und Konzentrationsschwäche kaum selbst wahrgenommen werden. Viele Menschen erklären sich ihre Beschwerden auch mit dem zunehmenden Alter. „Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste“ höre ich bei mir im Sprechzimmer.

Häufiges Wasserlassen und vermehrter Durst, ein ungewöhnlicher Gewichtsverlust stehen als typische Symptome in jedem Lehrbuch und finden sich auch in vielen Artikeln in der Laienpresse. In der Realität treten sie aber nur ganz selten auf. Dass man an Diabetes erkrankt ist, kann mal also zumeist nicht erspüren, sondern man muss einen Bluttest beim Arzt durchführen lassen.

Auch bei Frau Martin war der Diabetes zufällig gefunden worden. Sie war schon lange nicht zum Arzt gegangen, sie war ja immer gesund. Vor 10 Jahren hatte sie sich dann beim Wandern ein Knie verdreht. Als die Beschwerden auch über Wochen nicht besser wurden, hatte ihr Orthopäde eine Kniegelenksspiegelung empfohlen. Zur Vorbereitung für die Narkose war auch eine Blutuntersuchung erfolgt. Der Diabetes bei Frau Martin war entdeckt worden. Diese Diagnose hatte Frau Martin sehr beschäftigt. Sie quälte sich mit der Frage, ob sie eine Schuld am Ausbruch des Diabetes trug und wie viel Aufwand sie für die Behandlung würde betreiben müssen.

Frau Martin konnte ihren Diabetes zunächst mit einer Umstellung der Ernährung und etwas mehr Bewegung günstig beeinflussen. Sie nahm an einer Diabetiker-Schulung teil und fühlte sich wohl. Nach 2 Jahren war dann eine Behandlung mit Tabletten notwendig geworden. Sie vertrug die Medikamente gut, sie wirkte durch die Behandlung wenig belastet.

Dies änderte sich schlagartig, als sich die Notwendigkeit einer Behandlung mit Insulin abzeichnete. Auch unter der maximalen Dosierung von zwei verschiedenen Medikamenten in Tablettenform stieg der Blutzucker weiter an. Frau Martin brauchte lange Zeit um sich an die Vorstellung zu gewöhnen, sich etwas zu spritzen. Sie nahm über längere Zeit hohe Blutzuckerwerte in Kauf und war erst zu einer Insulintherapie bereit, als sich bei ihr ein deutlicher Leistungsknick bemerkbar machte. Schweren Herzens willigte sie in einen Versuch mit Insulin ein.

Der Schritt zu einer Behandlung mit Insulin ist für viele Patienten ein großer Schritt. Das Insulin muss gespritzt werden, man muss sich dabei etwas verletzen. Als Arzt, der täglich mit dieser Entscheidung befasst ist, vergesse ich manchmal, wie schwer dieser Schritt ist.

Ich erinnere mich aber noch gut an meinen Diabetologen-Kurs vor gut 15 Jahren. Wir saßen in dem alten Hörsaal der Chirurgie im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Auf seinen steil ansteigenden Rängen hatten sich gut einhundert Ärztinnen und Ärzte eingefunden, alle diabetologisch tätig. In einem Kurs über zwei Wochen sollten wir einen Überblick über die gesamte Diabetologie erhalten.
Der Referent zum Thema Insulintherapie hatte für jeden Teilnehmer eine steril verpackte, leere Einmalspritze mitgebracht. Nun sollten wir alle ausprobieren, wie mehr oder weniger schlimm die selbst durchgeführte Injektion ist. Plötzlich wurde intensiv im Skript gelesen, musste die Tasche nach irgendetwas durchsucht oder ein kleines Schwätzchen mit dem Nachbarn gehalten werden. In der Folge hat nur etwa die Hälfte unseres Kurses die Injektion bei sich durchgeführt.
Das überrascht mich in der Rückschau noch heute. Natürlich neige ich dazu, diese Erfahrung zu vergessen und recht sorglos und manchmal forsch zu einer Insulintherapie zu raten: Das erschrockene Gesicht, in das ich dann teilweise schaue, bringt die Erinnerung dann aber meist schnell wieder zurück.

Frau Martin hatte es auch eine große Überwindung gekostet, mit den regelmäßigen Injektionen zu beginnen. Als sie nach kurzer Zeit aber spürte, dass ihre alte Leistungsfähigkeit zurückkehrte, fiel es ihr leichter, bei dieser Therapie zu bleiben. Auch waren die Schmerzen durch die Injektion weit geringer, als sie es sich vorgestellt hatte.

Auch wenn es vielen Patienten wie Frau Martin ergeht, ist für einige wenige Patienten jede Injektion auf Dauer eine schwere Überwindung. Für sie ist auch der Stich mit der objektiv kleinen und dünnen Injektionsnadel eine schwerwiegende Verletzung und schwer zu ertragen.

Die Injektionsbehandlung ist aber auch ein deutliches Zeichen für den Schweregrad der Erkrankung.
Mir kommt dabei ein Erlebnis aus dem vorletzten Sommer in den Sinn. Ich war Betreuer in einem Camp für Jugendliche mit Typ 1-Diabetes. Das Zeltlager für die 800 Teilnehmer und Betreuer war in der Mitte von Bad Segeberg aufgebaut worden. Auf einem großen Rasenplatz standen 200 orangefarbene kleine Zelte zum Schlafen sowie ein hausgroßes Zelt für die Mahlzeiten und Workshops.

Am Rand dieses Camps kam ich mit Spaziergängern ins Gespräch. Ein Paar, so um die 70 Jahre, ging mit seinem Hund spazieren und fragte mich, wer hier denn zelten würde. Ich erzählte von unseren Teilnehmern, die alle einen Diabetes hätten und Insulin spritzen würden. „So jung und schon so ein schlimmer Diabetes?“ war die Reaktion meiner Gesprächspartner.

Ein schwerer Diabetes ist für viele Menschen ein Diabetes, der mit Insulin behandelt wird. Und wenn es zuvor über längere Zeit mit Tabletten möglich war, dann markiert der Beginn der Insulintherapie eine deutliche Verschlechterung der Erkrankung. Der Aufwand für die Therapie steigt rapide an und viele Menschen fühlen sich stärker krank. Die subjektive und objektive Belastung durch einen Diabetes steigt mit dem Beginn einer Insulintherapie deutlich an. Mehrmals am Tag muss der Blutzucker gemessen und vor dem Essen Insulin gespritzt werden. Ist man unterwegs, muss man das Messgerät und den Insulinpen mitnehmen. Dieser Aufwand ist viel höher als die Einnahme von Tabletten.

Nach einiger Zeit bereitete Frau Martin die Insulintherapie weniger Mühe. Zumindest war dies mein Eindruck. Die regelmäßigen Injektionen stellten für sie keine große Hürde dar und sie war damit erfolgreich.
Dass diese nach außen fast mühelos erscheinende Selbstbehandlung aber ein deutliches Maß an Konzentration und Energie verlangt, wurde mir sehr deutlich, als ihre Energie für andere Dinge in ihrem Leben benötigt wurde. Wie sehr sie durch den Krebstod der Tochter erschüttert war, wurde mir erschreckend deutlich, als sie ihre dicke Wollmütze vom Kopf zog. Im Verlauf von etlichen Wochen waren ihr alle Haare ausgefallen und wuchsen nur ganz allmählich wieder nach. Eine Erschütterung, die so stark war, hatte bei Frau Martin alle Lebensbereiche einbezogen – und damit auch die Selbstbehandlung ihres Diabetes.

Das Erlebnis mit Frau Martin hat mich nachhaltig beeindruckt. Sie hatte mir klar gemacht, dass der Diabetes im Moment von ihr nicht besser behandelt werden kann. Sie hat mich an ihrer Erschütterung teilhaben lassen. Sie musste dazu ihre Mütze abnehmen.

 

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