{"id":562,"date":"2016-09-05T14:26:22","date_gmt":"2016-09-05T12:26:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=562"},"modified":"2024-07-15T08:29:19","modified_gmt":"2024-07-15T06:29:19","slug":"016-angst-beim-arzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=562","title":{"rendered":"016  &#8211;  Angst beim Arzt"},"content":{"rendered":"<p>Kurz vor dem Feierabend komme ich in mein Sprechzimmer und finde auf meinem Schreibtisch einen kleinen gelben Klebezettel vor. Meine Patientin Frau Lindner hat sich gemeldet und bittet mich um einen R\u00fcckruf. Ich ahne schon, dass es dringend ist.<\/p>\n<p>Ich kenne Frau Lindner schon etliche Jahre als Patientin. Sie hat einen Typ 1-Diabetes und wohnt im Moment gar nicht in Hamburg.<br \/>\n<!--more Zum ganzen Artikel -->Ihr Mann ist vor einiger Zeit aus beruflichen Gr\u00fcnden nach Essen gezogen, und sie ist ihm gefolgt. Ihre gelegentlichen Besuche in Hamburg verbindet sie immer auch mit einem Termin bei mir in der Praxis. So bin ich, auch aus der Ferne, ihr Diabetologe geblieben.<\/p>\n<p>In den letzten Monaten hatten wir h\u00e4ufiger Kontakt, denn Frau Lindner ist schwanger. Sie erwartet ihr zweites Kind. Deswegen hatten wir regelm\u00e4\u00dfige Telefontermine, und sie schickte mir vorab immer ihre Blutzuckerwerte per E-Mail. Mit ihrem Diabetes kommt sie auch in dieser Schwangerschaft gut zurecht. Aber nun scheint es doch ein Problem zu geben.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: revert;\">Schwangerschaften bei Frauen mit einem Typ 1-Diabetes sind heute normal. Doch noch vor etwa 40 Jahren wurde ihnen von einer Schwangerschaft grunds\u00e4tzlich abgeraten. Das Risiko f\u00fcr Mutter und vor allem f\u00fcr das Kind waren einfach zu gro\u00df.<\/span><br \/>\nSchwere Fehlbildungen traten deutlich h\u00e4ufiger auf als bei Frauen ohne Diabetes. Auch waren die Kinder h\u00e4ufig sehr gro\u00df, was die Geburt schwierig und gef\u00e4hrlich machte. Erst seit den 1980er Jahren gibt es die M\u00f6glichkeit, dass Patientinnen ihren Blutzucker selbst messen und die Insulindosis daran anpassen k\u00f6nnen. So k\u00f6nnen sie die Blutzuckerwerte selbst\u00e4ndig in den notwendig engen Grenzen f\u00fchren.<br \/>\nWenn dies gelingt, unterscheiden sich die Risiken f\u00fcr Mutter und Kind nicht mehr nennenswert zwischen Frauen mit und ohne Diabetes.<\/p>\n<p>Frau Lindner hat eigentlich immer sehr gute Werte. Aber sie ist besorgt, dass doch etwas schiefgehen k\u00f6nnte. Das war auch in ihrer zweiten Schwangerschaft der Fall. Aber ich konnte sie immer wieder beruhigen, und die Besuche bei ihrer Frauen\u00e4rztin zeigten, wie sich ein gesundes Kind ganz normal entwickelte.<\/p>\n<p>Nun nutze ich die Gelegenheit, und rufe sie zur\u00fcck. Sie ist sofort in der Leitung, und ich sp\u00fcrte schon bei ihren ersten Worten, dass etwas vorgefallen sein muss.<br \/>\n\u201eMit dem Diabetes ist alles in Ordnung\u201c, sagte sie mir. Aber sie hatte am Morgen schlimme Kreislaufprobleme gehabt. Ihr war schwarz vor Augen geworden, und sie konnte sich nicht mehr auf den Beine halten. Im Liegen hatte sie ihre Nachbarin angerufen, die den Rettungsdienst alarmiert hatte.<br \/>\nBeim Eintreffen des Krankenwagens ging es ihr schon wieder deutlich besser. Der junge Rettungssanit\u00e4ter aber war sehr aufgeregt gewesen und hatte, zur Sicherheit, einen Notarzt hinzugerufen. Nach einer kurzen Behandlung ging es Frau Lindner wieder so gut, dass sie zuhause bleiben und nicht mit ins Krankenhaus fahren wollte.<br \/>\nAls wir mehrere Stunden sp\u00e4ter telefonierten, ging es ihr wieder sehr gut, und sie hatte den Vorfall schon fast vergessen.<\/p>\n<p>Eben hatte nun bei ihr das Telefon geklingelt. Der Notarzt von vorhin war am Apparat. Er hatte ihr bei seinem Besuch auch eine Blutprobe abgenommen. Der Kaliumwert war deutlich zu hoch. Er hatte von einem Risiko f\u00fcr gef\u00e4hrliche Herzrhythmusst\u00f6rungen gesprochen und ihr zu einem sofortigen Besuch beim Arzt geraten. Frau Lindner hatte jetzt gro\u00dfe Angst. Ich konnte sie durch das Telefon f\u00f6rmlich sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Das Kalium geh\u00f6rt zu den Elektrolyten, die auch Blutsalze genannt werden. Bei gesunden Menschen liegt es in einem sehr engen Bereich. Kalium ist zum Beispiel daf\u00fcr notwendig, dass die Reizleitung am Herzen richtig funktioniert. Sowohl ein zu hoher als auch ein zu niedriger Kaliumspiegel im Blut kann lebensbedrohliche Herzrhythmusst\u00f6rungen ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Bei gesunden Menschen wie Frau Lindner kommt ein zu hoher Kaliumspiegel fast nie vor. Ich hatte einen ganz anderen Verdacht f\u00fcr die Ursache.<\/p>\n<p>Das Blut besteht aus zwei Komponenten. Es gibt das Serum, den fl\u00fcssigen Anteil des Blutes und die Blutk\u00f6rperchen. Die engen Grenzen des Kalium-Normalwertes beziehen sich auf das Serum. Denn nur das wirkt auf die Zellen im K\u00f6rper ein. In den roten Blutk\u00f6rperchen, den Erythrozyten, herrschen hingegen sehr viel h\u00f6here Kaliumkonzentrationen vor. Wenn nun, nach der Abnahme einer Blutprobe, Erythrozyten kaputt gehen, f\u00fchrt dies zu einer deutlichen Zunahme des gemessenen Kaliumspiegels. Aber eben nur in dem R\u00f6hrchen, in dem das Blut abgenommen und transportiert wird.<br \/>\nSo etwas kann passieren, wenn das R\u00f6hrchen nach der Blutentnahme herunterf\u00e4llt oder versehentlich gesch\u00fcttelt wird. F\u00e4lschlich, also nur im R\u00f6hrchen bestehende zu hohe Kaliumwerte erlebe ich in der Praxis h\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Ich war mir ziemlich sicher, dass dies auch bei Frau Lindner der Fall war. Die Blutprobe war ihr zuhause abgenommen worden, und das R\u00f6hrchen musste dann den Transport ins Krankenhauslabor \u00fcberstehen. Da kann ein Sturz des R\u00f6hrchens leicht passieren.<\/p>\n<p>Neben dem Kaliumwert ist in der Geschichte von Frau Lindner aber etwas ganz anderes deutlich erh\u00f6ht. Das ist die Angst. Sie hat ebenfalls ein hohes Niveau. Die Ausl\u00e4ufer davon bekam ich zu sp\u00fcren, als ich Frau Lindners Stimme am Telefon h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Begonnen hatte die Angst mit den Kreislaufproblemen von Frau Lindner. Diese waren so stark, dass sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte und Hilfe holen musste.<br \/>\nDas Gef\u00fchl einer drohenden Ohnmacht l\u00f6st gro\u00dfe Angst aus. Sie \u00fcbertrug sich auf die Nachbarin, die meiner Patienten zu Hilfe kam und schnell den Rettungsdienst alarmierte.<\/p>\n<p>Im Rettungsdienst ist es typisch, dass nach einer Versorgung vor Ort, der Patient mit ins Krankenhaus genommen wird. Hier erfolgen dann weitere Untersuchungen, und die \u00c4rzte dort entscheiden, ob der Patient im Krankenhaus bleiben muss. Empfehlen die \u00c4rzte dies und der Patient m\u00f6chte aber nach Hause, so muss er unterschreiben, dass er \u201egegen ausdr\u00fccklichen \u00e4rztlichen Rat\u201c die Entlassung w\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Bei Frau Lindner war dies jetzt noch viel fr\u00fcher der Fall. Sie wollte gar nicht erst mit ins Krankenhaus. Den Rettungssanit\u00e4ter und den Notarzt hat das irritiert. Eine eben noch fast ohnm\u00e4chtige Schwangere zuhause zu lassen, kam ihnen gef\u00e4hrlich vor. Deswegen hat der Notarzt noch eine Blutprobe abgenommen, was im Rettungsdienst ungew\u00f6hnlich ist.<\/p>\n<p>Als sich Stunden sp\u00e4ter alles wieder beruhigt hatte, kam mit dem Ergebnis der Blutuntersuchung die Angst zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ich war mir jedoch sicher, dass der hohe Kaliumwert nicht korrekt war. Eine Kontrolle mit einer frischen Blutprobe k\u00f6nnte das beweisen. Diese gab es aber jetzt am fr\u00fchen Abend nur im Krankenhaus. Frau Lindner h\u00e4tte sich dorthin auf den Weg machen m\u00fcssen. Das fand ich \u00fcbertrieben vorsichtig. Also beruhigte ich meine Patientin und empfahl ihr eine Kontrolle am n\u00e4chsten Tag.<\/p>\n<p>Ich hatte den H\u00f6rer kaum aufgelegt, da passierte in mir etwas Spannendes. Ich bekam Angst. Vor meinem inneren Auge entstand ein Szenario, in dem meine Patientin in der Nacht an Herzrhythmusst\u00f6rungen starb und ich daran Schuld war.<br \/>\nIch widerstand dem Impuls, meine Patienten erneut anzurufen und ihr doch den Weg ins Krankenhaus zu empfehlen und konnte mich wieder beruhigen.<\/p>\n<p>Meine Patientin schrieb mir am n\u00e4chsten Tag eine E-Mail und berichtete von dem v\u00f6llig normalen Kaliumwert bei der Kontrolluntersuchung.<\/p>\n<p>Wie ansteckend Angst im \u00e4rztlichen Alltag sein kann, merkte ich an mir selber und daran, dass ich bei dem normalen Wert aufgeatmet habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurz vor dem Feierabend komme ich in mein Sprechzimmer und finde auf meinem Schreibtisch einen kleinen gelben Klebezettel vor. Meine Patientin Frau Lindner hat sich gemeldet und bittet mich um einen R\u00fcckruf. Ich ahne schon, dass es dringend ist. Ich kenne Frau Lindner schon etliche Jahre als Patientin. 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