{"id":546,"date":"2015-05-31T21:59:02","date_gmt":"2015-05-31T19:59:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=546"},"modified":"2019-11-25T12:32:24","modified_gmt":"2019-11-25T10:32:24","slug":"erstkontakt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=546","title":{"rendered":"015  &#8211;  Erstkontakt"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich einen Patienten zum ersten Mal treffe, ist das immer ein spannender Moment.<br \/>\nIn meinem Computer sehe ich nur den Namen, das Alter und das Geschlecht. Aber schon mit diesen wenigen Informationen entsteht in mir ein erstes inneres Bild. Dieses Bild wird dann konkret, wenn ich die T\u00fcr zum Wartezimmer \u00f6ffne und meinen neuen Patienten aufrufe. Dann steht er vor mir.<\/p>\n<p><!--more Zum ganzen Artikel --><\/p>\n<p>Der Handschlag zur Begr\u00fc\u00dfung und der Weg zu meinem Sprechzimmer erweitern meinen ersten Eindruck. Ein kr\u00e4ftiger H\u00e4ndedruck gefolgt von einem forschen Gang \u00fcber den Flur leiten das Gespr\u00e4ch anders ein, als ein weicher, vielleicht sogar sch\u00fcchterner H\u00e4ndedruck und ein langsames, m\u00fchevolles Gehen. <\/p>\n<p>Auch wenn ich h\u00e4ufig einen konkreten Auftrag des \u00fcberweisenden Kollegen vorliegen habe, so lautet meine erste Frage fast immer: \u201eWas f\u00fchrt Sie zu mir?\u201c.<br \/>\nDie Antwort ist immer sehr spannend.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt dabei Herr Streck ein. Meine \u00fcbliche Eingangsfrage ging an einen gro\u00dfen, kr\u00e4ftigen Mann von Mitte f\u00fcnfzig, der mir mit verschr\u00e4nkten Armen gegen\u00fcber sa\u00df. Seine S\u00e4tze waren kurz und knapp. Meist bestanden sie nur aus einem Satz.<br \/>\nSo erfuhr ich zwar einige Fakten wie die Namen der Medikamente, die er einnahm, und seinen letzten HbA1c-Wert. Ein eigentliches Gespr\u00e4ch entstand aber nicht. Zwischen uns gab es eine Barriere. Eine sp\u00fcrbare Barriere. Zudem war sie in den weiterhin verschr\u00e4nkten Armen meines Patienten auch deutlich sichtbar. <\/p>\n<p>Das Widerst\u00e4ndige bei Herrn Streck war fast mit H\u00e4nden zu greifen und dennoch unausgesprochen. Seine verschr\u00e4nkten Arme, seine sehr kurzen Antworten schienen zu sagen: \u201eIch bin nicht freiwillig hier\u201c.<br \/>\nWar es \u00fcberhaupt m\u00f6glich, einen n\u00e4heren Kontakt zwischen uns herzustellen? Sollte ich abwarten und erstmal einen weiteren Termin vereinbaren? Aber was sollte sich bis zu einem erneuten Treffen ge\u00e4ndert haben?<br \/>\nDurch mein Nachdenken entstand ein Moment der Stille. Mehr intuitiv als geplant fragte ich Herrn Streck nach seinem Beruf. Zu meiner gro\u00dfen \u00dcberraschung wandelte sich das Verhalten meines Gegen\u00fcbers unmittelbar. Er erz\u00e4hlte mir strahlend, dass er Fotograf sei und seit vielen Jahren f\u00fcr eine gro\u00dfe Tageszeitung arbeite. Aus dem bisher starr dasitzenden Mann mit verschr\u00e4nkten Armen wurde ein lebhafter Erz\u00e4hler. <\/p>\n<p>Was war geschehen? Mein Eindruck war sofort, dass es um mehr ging, als mit einer pers\u00f6nlichen Frage \u201edas Eis gebrochen\u201c zu haben. <\/p>\n<p>Jeder Mensch, der zum Arzt geht, wird damit zum Patienten. Und zwar v\u00f6llig ohne sein Zutun. Mit dem Betreten der Praxis und der Anmeldung am Empfang ist es schon geschehen. Man kann es wohl nicht verhindern.<br \/>\nHinter dem Patient-Sein ist dann die eigentliche Person nur noch blass erkennbar. \u00dcberspitzt kann man dies im Sprachgebrauch erkennen, der fr\u00fcher in Krankenh\u00e4usern verwendeten wurde. Bei der Rede \u00fcber \u201eDie Galle aus Zimmer 6\u201c gibt es gar keine Person mehr, sondern nur noch ein Patienten-Objekt.<\/p>\n<p>Die Patientenrolle ist stets mit einer gelinden Regression verbunden. Mir fallen dazu drei Ursachen ein.<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst die Notwendigkeit, Befehle zu befolgen. Harmlos sind solche wie \u201eBitte nehmen Sie im Wartezimmer Platz\u201c. Die Aufforderung, sich f\u00fcr eine Untersuchung zu entkleiden, ist da schon folgenschwerer.<\/p>\n<p>Des Weiteren ist man in der Patientenrolle immer etwas unterlegen. Man wendet sich als Laie mit einem Problem an einen Fachmann. Diese Differenzspannung ist nicht aufhebbar.<br \/>\nUnd das ist auch gar nicht sinnvoll. Denn f\u00fcr das \u00e4rztliche Handeln ist sie in vielen F\u00e4llen notwendig. Mir fallen dazu Patienten ein, die mir von r\u00e4tselhaften Symptomen berichten. In den meisten F\u00e4llen sind diese Beschwerden v\u00f6llig harmloser Natur ,und ich kann meine Patienten beruhigen. Und daf\u00fcr ist es notwendig, dass ich es besser wei\u00df als sie.<\/p>\n<p>Der dritte Grund f\u00fcr eine Regression in der Patientenrolle  liegt in dem Verlust der Autonomie \u00fcber den eigenen K\u00f6rper. Jede medizinische Handlung, die man als Patient hinnehmen muss, geht mit einem Autonomieverlust einher. Von harmlosen Dingen wie dem Messen des Blutdrucks, \u00fcber Spritzen und Blutentnahmen bis hin zu Operationen in Vollnarkose reicht hier das Spektrum.<\/p>\n<p>Man kommt in der Patientenrolle um eine gewisse Portion Regression und Fremdbestimmheit einfach nicht herum. <\/p>\n<p>Auf der anderen Seite ist zu viel Regression hinderlich. Denn der Patient muss \u00fcber seine Behandlung mit entscheiden. Dabei ist eine Unterwerfung unter die Meinung des Arztes sehr sch\u00e4dlich. Denn der Patient nimmt die Medikamente ein &#8211; und nicht der Arzt.<\/p>\n<p>Einem gro\u00dfen Teil meiner neuen Patienten geht es wohl wie Herrn Streck. Sie werden vom Hausarzt \u00fcberwiesen, wenn die Behandlung ihres Diabetes mit Tabletten nicht mehr ausreicht und eine Insulinbehandlung ansteht. Und verst\u00e4ndlicherweise ist diese Behandlung nicht gerade beliebt. Sich Insulin zu spritzen ist eine kleine Selbstverletzung. Es tut etwas weh. Meine Patienten sagen dann: \u201eJetzt muss ich mich vielleicht auch noch spritzen\u201c.<\/p>\n<p>Ich kann den Widerwillen, den meine Patienten dem Beginn einer Insulinbehandlung entgegensetzen, gut nachvollziehen. Und nat\u00fcrlich richtet sich der Widerwille auch gegen mich als den \u00dcberbringer der zwar erwarteten, aber schlechten Nachricht.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch bei unserem n\u00e4chsten Termin er\u00f6ffnete Herr Streck. Er hatte mir ein paar Beispiele seiner Fotoarbeiten mitgebracht. Da ich selbst Hobby-Fotograf bin, war ich interessiert und von seinen Bildern sehr beeindruckt. Auf diesem Gebiet war er der Experte und ich der Laie.<br \/>\nDie beim ersten Termin von mir dringend angeratene Insulintherapie hatte er in der Zwischenzeit begonnen.<\/p>\n<p>Im Kontakt mit Patienten, die ich noch nicht lange kenne, sto\u00dfe ich immer wieder auf geheimnisvolle Widrigkeiten. Gelegentlich gelingt es, ihnen so leicht zu begegnen wie bei Herrn Streck. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich einen Patienten zum ersten Mal treffe, ist das immer ein spannender Moment. In meinem Computer sehe ich nur den Namen, das Alter und das Geschlecht. Aber schon mit diesen wenigen Informationen entsteht in mir ein erstes inneres Bild. 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