{"id":535,"date":"2015-01-13T06:57:00","date_gmt":"2015-01-13T04:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=535"},"modified":"2019-11-25T12:37:10","modified_gmt":"2019-11-25T10:37:10","slug":"014-gewichtsverlust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=535","title":{"rendered":"014  &#8211;  Gewichtsverlust"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Patienten, die einen ganz besonderen Eindruck auf mich  aus\u00fcben. So war es gleich beim ersten Kontakt mit Herrn Cornelius. Als er vor mehr als 9 Jahren mein Patient wurde, betrat ein 69-j\u00e4hriger Mann mein Sprechzimmer, der trotz seiner geringen K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe auf mich stattlich und gewichtig wirkte. Im R\u00fcckblick f\u00e4llt mir auf, dass es keine Fremdheit zwischen uns zu \u00fcberwinden galt, wenngleich wir uns noch nie zuvor begegnet waren. <!--more Zum ganzen Artikel -->Schon im Laufe unseres ersten Gespr\u00e4chs bekam ich eine Ahnung davon, woran das lag. <\/p>\n<p>Der formale Grund seines Termins bei mir war sein Typ 2-Diabetes. Vor wenigen Wochen von seiner Haus\u00e4rztin diagnostiziert, sollte ich nun die Behandlung \u00fcbernehmen. Das gelang problemlos, denn bei Herrn Cornelius bestand auch ohne Medikamente eine sehr gute Stoffwechsellage. <\/p>\n<p>Schon der Versuch, einen Kontroll-Termin zu vereinbaren, offenbarte den Beruf meines neuen Patienten. Er ist Theater-Schauspieler und Regisseur und in den kommenden Wochen auf Tournee. Unser n\u00e4chster Termin verschob sich etwas nach hinten. <\/p>\n<p>Seine F\u00e4higkeit zum gewinnenden und guten Auftreten erlebt man bei Herrn Cornelius rasch. Nicht die Spur von Fremdheit. Ich vermute, dass es f\u00fcr jemanden, der es gewohnt ist, Theaterbesucher auch noch in der letzten Reihe f\u00fcr sich einzunehmen, eine Leichtigkeit sein m\u00fcsste, die raumfordernde Distanz meines Schreibtisches zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Herr Cornelius tritt bei mir regelm\u00e4\u00dfig im dunklen dreiteiligen Anzug auf, in dem er seinen wei\u00dfen Vollbart besonders zur Geltung bringt. Mit der richtigen Auswahl der Kleidung ist er vertraut, sie passt stets zu seiner Person und zu seinem Auftreten. Auch mit meinen Arzthelferinnen stellt er den Kontakt mit gro\u00dfer Leichtigkeit her, und ich h\u00f6re immer gleich, wenn er die Praxis betritt. Heitere, teils flirtende Dialoge kann ich dann aus der Ferne erlauschen.<\/p>\n<p>Und Herr Cornelius hat dar\u00fcber hinaus eine F\u00e4higkeit, die mit seinem Auftreten nur am Rande zu tun hat. Dies wurde f\u00fcr mich zum ersten Mal deutlich, als er eine schwerwiegende Erkrankung zu \u00fcberwinden hatte.<br \/>\nIm Verlauf von zwei Jahren waren die Leberwerte meines Patienten deutlich angestiegen. Zun\u00e4chst hatten wir beide seinen Tournee-Brandy in Verdacht, den er einfach brauchte, um nach den Vorstellungen zur Ruhe zu kommen. Doch der vollst\u00e4ndige Verzicht auf Alkohol erbrachte keine Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach einer anderen Ursache folgte eine Kernspintomografie, die hinsichtlich der Leber einen g\u00e4nzlich unauff\u00e4lligen Befund ergab. Aber wir entdeckten als Zufallsbefund einen Tumor an der rechten Niere.<\/p>\n<p>Ich wies Herrn Cornelius ins Krankenhaus ein. Die Diagnose der Kollegen dort war eindeutig. Mein Patient hatte einen Krebs an der rechten Niere. Die Untersuchungen ergaben keinen Anhalt daf\u00fcr, dass der Krebs schon gestreut hatte. Die operative Entfernung der befallenen Niere w\u00fcrde mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Heilung f\u00fchren. <\/p>\n<p>Und so unterzog sich Herr Cornelius dieser Operation und ben\u00f6tigte danach nur kurze Zeit, um sich vollst\u00e4ndig zu erholen.<\/p>\n<p>Kurz vor unserem n\u00e4chsten Termin erhielt ich eine E-Mail von ihm. Er bat mich um einen Anruf. Nachdem ich seine Telefonnummer in Hamburg gew\u00e4hlt hatte, h\u00f6rte ich auf dem Anrufbeantworter, er bef\u00e4nde sich f\u00fcr einen Studienaufenthalt in den USA. Er bittet um eine Nachricht und w\u00fcrde sich nach seiner R\u00fcckkehr melden.<br \/>\nIch war verdutzt. Eine Studienreise? Amerika? Davon hatte in der E-Mail meines Patienten nichts gestanden. Wenige  Minuten sp\u00e4ter bekam ich seinen R\u00fcckruf. Ich fragte ihn nach dem Text auf dem Anrufbeantworter und wurde sofort aufgekl\u00e4rt. Wie die meisten Schauspieler ist Herr Cornelius freiberuflich t\u00e4tig. Er ist darauf angewiesen, engagiert zu werden. Eine schwere Erkrankung kann nun schnell dazu f\u00fchren, dass Theaterh\u00e4user und Regisseure  sich mit Engagements zur\u00fcckhalten. Und so hatte Herr Cornelius seinen Krankenhausaufenthalt mit einer Studienreise kaschiert. <\/p>\n<p>Als ich ihn bei unserem n\u00e4chsten Termin wiedersah, hatte seine Vitalit\u00e4t unter der Operation nicht im mindesten gelitten. Er war kraftvoll und tatendurstig wie zuvor.<\/p>\n<p>Was mich immer wieder bei diesem Patienten beeindruckt, ist seine Souver\u00e4nit\u00e4t.<br \/>\nSpeziell, als sich einige Jahre sp\u00e4ter sein \u00c4u\u00dferes zu ver\u00e4ndern begann.<\/p>\n<p>Typischerweise sehe ich meine Patienten zu den Diabetes-Kontrolluntersuchungen alle drei Monate. Bei einem dieser Termine nahm ich wahr, dass Herr Cornelius an Gewicht abgenommen hatte. Nicht extrem, aber doch so, dass ich es bemerken konnte. Nun war mein Patient weder normalgewichtig noch schlank geworden, aber ich fragte ihn doch, ob mich mein Eindruck tr\u00fcgen w\u00fcrde. Er erz\u00e4hlte mir, dass er etwa zehn Kilogramm an Gewicht abgenommen habe. Er hatte auch eine gute Erkl\u00e4rung daf\u00fcr. Bei ihm war eine umfangreiche Zahnbehandlung notwendig geworden, und hierf\u00fcr hatte er in den letzten Monaten keine Zeit gehabt. Er war so eng in Theaterprojekte eingebunden, dass er es sich einfach nicht erlauben konnte, durch die Folgen einer Zahnbehandlung nicht richtig sprechen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nSeine Nahrungsaufnahme war durch seine Zahnprobleme arg eingeschr\u00e4nkt. Ihm war diese Einschr\u00e4nkung derzeit aber lieber, als nicht im Theater spielen zu k\u00f6nnen. In seinem beruflichen Terminkalender gab es in n\u00e4herer Zukunft Zeit, um die Zahnbehandlung durchf\u00fchren zu lassen.<\/p>\n<p>Das Thema Gewicht ist beim Diabetologen stets heikel. Ich spreche es zumeist nicht an, und schon gar nicht im Erstkontakt. Das tun daf\u00fcr aber h\u00e4ufig meine Patienten. Sie sch\u00e4men sich ihres \u00dcbergewichts und meinen, ich w\u00fcrde gerne von ihnen h\u00f6ren, dass sie abnehmen wollen. Wenn einer meiner Patienten relevant an Gewicht abgenommen hat, ist es aber unbedingt notwendig, dass ich es bemerke und es mir anmerken lasse, dass ich es bemerkt habe. Sonst ist die Entt\u00e4uschung gro\u00df. <\/p>\n<p>Eine Gewichtsabnahme wird meist positiv gesehen. Gef\u00fcrchtet bei Laien und \u00c4rzten ist aber ein ungewollter Gewichtsverlust. Wenn ein Mensch bei sonst gleichen Bedingungen von Ern\u00e4hrung und k\u00f6rperlicher Aktivit\u00e4t Gewicht abnimmt, kommt einem schnell der Gedanke an eine Erkrankung als Ursache. Eine Schilddr\u00fcsen\u00fcberfunktion w\u00e4re dabei eine harmlose und gut behandelbare Ursache. Die Tuberkulose, die fr\u00fcher Schwindsucht hie\u00df, und Krebserkrankungen sind da schon von anderem Kaliber. Eine solche Erkrankung zu \u00fcbersehen, ist fast eine Grundform \u00e4rztlicher Angst.<\/p>\n<p>Daher war ich erleichtert, dass es bei Herrn Cornelius eine klare Ursache seiner Gewichtsabnahme zu geben schien. <\/p>\n<p>Bei den n\u00e4chsten Kontrollen setzte sich der Gewichtsverlust aber fort. Am Ende waren es fast drei\u00dfig Kilogramm, die mein Patient abgenommen hatte. Jetzt war er noch allenfalls leicht \u00fcbergewichtig und hielt sein Gewicht.<\/p>\n<p>Zu den Zahnproblemen, die doch erst viel sp\u00e4ter behoben werden konnten als geplant, kam ein sehr pers\u00f6nlicher Schicksalsschlag hinzu. Herr Cornelius musste es verkraften, dass sich seine Frau von ihm getrennt hatte. Dies hatte sich verheerend auf seinen Appetit ausgewirkt.<\/p>\n<p>Nun gab es also schon zwei Gr\u00fcnde f\u00fcr einen Gewichtsverlust. Aber reichte das aus, um drei\u00dfig Kilogramm weniger Gewicht zu erkl\u00e4ren? Ich war mir unsicher.<\/p>\n<p>Diese Unsicherheit schilderte ich meinem Patienten beim n\u00e4chsten Gespr\u00e4ch. Ich erkl\u00e4rte ihm, dass nach den Regeln der \u00e4rztlichen Kunst jetzt umfassende Untersuchungen anstehen w\u00fcrden. In der Fachsprache w\u00e4re das dann eine \u201eAbkl\u00e4rungsdiagnostik bei unklarem Gewichtsverlust\u201c. Herr Cornelius wollte wissen, was das denn konkret bedeuten w\u00fcrde. Ich begann zu \u00fcberlegen. Da s\u00e4mtliche Blutuntersuchungen unauff\u00e4llig waren und mein Patient vollst\u00e4ndig beschwerdefrei, ergab sich hieraus kein Punkt, mit dem man beginnen m\u00fcsste. Also w\u00e4re es aus meiner Sicht am sinnvollsten, Tests auf die h\u00e4ufigsten Erkrankungen zuerst durchzuf\u00fchren. Dies w\u00e4ren eine Dickdarm- und Magenspiegelung sowie eine Untersuchung beim Urologen.<br \/>\nHerr Cornelius begann zu \u00fcberlegen. Ihm ging es gut und er hatte keine Beschwerden. Es gab zwei klare Gr\u00fcnde, die seinen Gewichtsverlust erkl\u00e4ren konnten, und aktuell war sein Gewicht konstant. Die Gefahr, dass er an einer schweren gef\u00e4hrlichen Erkrankung litt, war aus seiner Sicht ausgesprochen gering. Er wollte daher lieber seine Zeit im Theater anstelle bei \u00c4rzten verbringen. <\/p>\n<p>Ich konnte diese Entscheidung meines Patienten gut nachvollziehen und stimmte ihm zu. Ich stellte ihm aber noch eine abschlie\u00dfende Frage. Wie er sich denn f\u00fchlen w\u00fcrde, wenn wir in der Zukunft doch auf eine schwerwiegende, vielleicht sogar b\u00f6sartige Krankheit als Ursache seines Gewichtsverlusts sto\u00dfen w\u00fcrden. W\u00fcrde er es bereuen, nicht fr\u00fcher danach gesucht zu  haben?<br \/>\nHerr Cornelius hatte auf diese Frage eine sichere Antwort. Es war ein klares Nein. <\/p>\n<p>Die Souver\u00e4nit\u00e4t, die ich in diesem Fall erlebt habe, beeindruckt mich sehr. Denn sie steht in deutlichem Kontrast zum Common Sense. Jener Common Sense diktiert, jedwede M\u00f6glichkeit zu einer medizinischen Untersuchung zu nutzen. Und \u00c4rzte, die viele Untersuchungen veranlassen, gelten in gro\u00dfen Kreisen der Bev\u00f6lkerung als gute \u00c4rzte. <\/p>\n<p>Die autonome Willensbildung \u00fcber den eigenen K\u00f6rper ist ein  hohes Gut. \u00c4rzte und Patienten bewegen sich aber im Rahmen des Common Sense-Diktats, das diese Freiheit druckvoll begrenzt. Und das in dreifacher Form.<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst der Meinungsdruck. Er begegnet einem \u00fcberall. Im privaten Gespr\u00e4ch, in den Medien und nicht zuletzt beim Arzt. Der Meinung, sich untersuchen lassen zu m\u00fcssen, kann man kaum entfliehen. Widersetzt man sich, hat man das Gef\u00fchl, ausgeschlossen und alleine zu sein.<\/p>\n<p>An zweiter Stelle steht der Eiligkeitsdruck. In diesem Kontext besteht keine Zeit zum \u00dcberlegen. Alles muss schnell geschehen, weil vermeintlich gro\u00dfes Ungl\u00fcck droht.<\/p>\n<p>Und zuletzt besteht Handlungsdruck. In diesem Druck f\u00fchlt es sich besser an, etwas zu tun als abzuwarten. Das unangenehme Gef\u00fchl, nichts zu tun, ist so stark, dass wir auch dann handeln, wenn die Handlung unsinnig ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich als Arzt ist es \u00fcblich, dass Patienten diesen Common Sense mit in mein Sprechzimmer tragen. Dieser Druck ist so h\u00e4ufig vorhanden, dass ich ihn zumeist gar nicht sp\u00fcre. <\/p>\n<p>Wenn ich aber auf einen Patienten wie Herrn Cornelius treffe, der in seiner Souver\u00e4nit\u00e4t frei von diesem Diktat ist, dann entsteht auch bei mir eine Freiheit, die angenehm und entspannend ist. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Patienten, die einen ganz besonderen Eindruck auf mich aus\u00fcben. So war es gleich beim ersten Kontakt mit Herrn Cornelius. 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