{"id":523,"date":"2014-09-30T21:24:09","date_gmt":"2014-09-30T19:24:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=523"},"modified":"2019-11-25T12:37:22","modified_gmt":"2019-11-25T10:37:22","slug":"013-wuensche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=523","title":{"rendered":"013  &#8211;  W\u00fcnsche"},"content":{"rendered":"<p>Ein Kollege erz\u00e4hlte mir k\u00fcrzlich von einem merkw\u00fcrdigen Erlebnis in seiner Praxis. Er hatte Besuch von einem Pharmareferenten gehabt, dessen Firma ein neues Medikament zur Diabetesbehandlung herstellt.<\/p>\n<p>Mein Kollege hatte Informationen \u00fcber das neue Medikament erwartet und war v\u00f6llig \u00fcberrascht, im Gespr\u00e4ch pl\u00f6tzlich mit Vorw\u00fcrfen konfrontiert zu werden.<br \/>\n<!--more Zum ganzen Artikel --> Der Pharmareferent wollte von ihm wissen, warum er das neue Medikament so selten einsetze. Sein Regionalleiter habe ihm deswegen schon Vorw\u00fcrfe gemacht. \u00dcberall in Deutschland sei das neue Medikament ein gro\u00dfer Erfolg, nur in seinem Gebiet nicht.<\/p>\n<p>Ich war versucht, die Erlebnisse meines Kollegens als eine Art Entgleisung dieses einen Pharmareferentens abzutun. Mir kamen aber Erinnerungen an ganz \u00e4hnliche Erlebnisse in meiner eigenen Praxis.<br \/>\nHinter diesen Handlungen schien eine Logik zu stecken, die sich mir zun\u00e4chst nicht erschloss.<\/p>\n<p>Auch bei meinen Patienten kommt das Gespr\u00e4ch h\u00e4ufig auf neue Medikamente. Denn heutzutage wird \u00fcber neue Therapieoptionen nicht nur in der Fach-, sondern auch in der Laienpresse ausgiebig  berichtet. <\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt dabei mein Termin mit Herrn Hartmann aus der vergangenen Woche ein. Bei ihm ist seit fast 15 Jahren ein Typ 2-Diabetes bekannt und seit etwa 10 Jahren nimmt er blutzuckersenkende Medikamente ein. Begonnen haben wir mit nur einer Tablette. Im Verlauf der Jahre sind es vier Tabletten von drei unterschiedlichen Pr\u00e4paraten geworden. Jedesmal wenn der Langzeit-Blutzuckerwert deutlich angestiegen war, hatten wir eine Ver\u00e4nderung der Therapie vorgenommen. Diese Therapie war sehr erfolgreich gewesen. Herr Hartmann hatte seinen HbA1c zumeist in einem g\u00fcnstigen Bereich halten k\u00f6nnen. In den letzten 6 Monaten war es aber zu einem kr\u00e4ftigen Anstieg der Blutzuckerwerte gekommen. Die Medikamente schienen ihre Wirksamkeit verloren zu haben.<\/p>\n<p>Bei Menschen mit einem Typ 2-Diabetes ist dies eine h\u00e4ufige Situation. Dieser Diabetestyp entwickelt sich langsam. In den ersten Jahren ist der K\u00f6rper noch in der Lage, das blutzuckersenkende Insulin selbst zu produzieren. Die Behandlung mit Tabletten unterst\u00fctzt diese Wirkung. Ohne ein gewisses Ma\u00df an Insulin im K\u00f6rper wirkt keines der verf\u00fcgbaren Medikamente.<\/p>\n<p>Da im Verlauf der Diabeteserkrankung die k\u00f6rpereigene Insulinproduktion langsam sinkt, ist die Behandlung mit Tabletten meist nur etwa 10 Jahre erfolgreich. Von diesem Zeitpunkt an ist dann eine Insulintherapie notwendig. <\/p>\n<p>So war es offensichtlich jetzt auch bei Herrn Hartmann der Fall.  Nach meiner Erfahrung war dies der richtige Zeitpunkt, mit einer Insulintherapie zu beginnen. <\/p>\n<p>Herr Hartmann mochte sich aber nicht so recht auf meine Erfahrung verlassen. Er hatte in einer Zeitschrift von einem ganz neuen Medikament gelesen, dessen Wirkung dort sehr positiv geschildert wurde. Es war ganz eindeutig, Herr Hartmann wollte dies neue Medikament ausprobieren und lieber kein Insulin spritzen.<\/p>\n<p>So lief unser Gespr\u00e4ch auf einen kleinen Konflikt zu. Denn ich beharrte auf meiner Position, dass ohne Insulin-Injektionen keine Verbesserung der Blutzuckerwerte zu erzielen sei.<br \/>\nHerr Hartmann fragte mich dann, ob ich vielleicht nur mein Arzneimittelbudget schonen wolle. Er w\u00fcrde im Zweifel das neue Medikament auch privat bezahlen wollen.<\/p>\n<p>Im ersten Moment war ich versucht, Herrn Hartmanns Reaktion lediglich als Gegenwehr auf meine Empfehlung einer Insulintherapie zu werten. Gab es auch eine verborgene Logik hinter seinem Vorwurf?<\/p>\n<p>Weder die Situation mit meinem Patienten noch der Vorfall mit dem Pharmareferenten sind Einzelf\u00e4lle. Ich begann zu \u00fcberlegen, worin der Antrieb hinter ihren Handlungen liegen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Pharmaindustrie steht f\u00fcr Ums\u00e4tze im mehrstelligen Milliarden-Euro-Bereich. F\u00fcr deren Erhalt k\u00e4mpfen die Firmen -auch mit harten Bandagen. Dabei kommen Werbung, Beeinflussung und Bestechung von \u00c4rzten sowie Datenf\u00e4lschung von wissenschaftlichen Ergebnissen zum Einsatz.<br \/>\nEin gro\u00dfer Teil der pharmazeutischen Hersteller sind b\u00f6rsennotierte Aktiengesellschaften. Sie unterliegen damit den speziellen Regeln dieser Gesellschaftsform. Der Wert einer solchen Firma bemisst sich am Wert der gehandelten Aktien. <\/p>\n<p>Die Leitung einer solchen Aktiengesellschaft ist also den Aktion\u00e4ren verpflichtet. Sie wird danach beurteilt, ob der Wert der Firma unter ihrer Leitung steigt oder nicht.<br \/>\nDen Erwartungsdruck der Aktion\u00e4re gibt die Firmenleitung an ihre Angestellten weiter. Dies wirkt sich \u00fcberall aus. Besonders deutlich wird mir dies an den Mitarbeitern im Au\u00dfendienst. <\/p>\n<p>Normalerweise ist der Druck, den die Pharmavertreter beim Verkaufen erzeugen, viel subtiler als der allzu deutliche Druck in dem oben genannten Gespr\u00e4ch. Mir wird h\u00e4ufig erz\u00e4hlt, dass meine Kollegen das Medikament schon einsetzen und alle sehr zufrieden damit seien.<br \/>\nIn mir entsteht das Gef\u00fchl, ich k\u00f6nnte nicht mehr so recht dazu geh\u00f6ren, wenn ich das neue Pr\u00e4parat nicht auch einsetze. Ich k\u00f6nnte vielleicht sogar \u201ezum alten Eisen\u201c geh\u00f6re. Man legt mir nahe, ich h\u00e4tte den Anschluss an \u201emoderne\u201c Entwicklungen verloren.<br \/>\nDas ist ein sehr unangenehmes Gef\u00fchl, aus dem es nur einen Ausweg zu geben scheint, n\u00e4mlich die neuen Medikamente auch umfassend einzusetzen.<\/p>\n<p>Mir hatte sich schon vor einigen Jahren ein anderer Ausweg er\u00f6ffnet. Ich hatte angefangen, mich mit befreundeten Kollegen \u00fcber die Einfl\u00fcsse unserer Pharmareferenten auszutauschen. Und &#8211;  meine Erlebnisse waren alles andere als einzigartig. Nahezu alle meine Kollegen hatten die selben Geschichten zu h\u00f6ren bekommen.\u2028<br \/>\nAus diesem Blick ist die Handlungslogik der Pharmafirmen nun klarer. Die Firmen werden nicht m\u00fcde, den \u00c4rzten zu erkl\u00e4ren, dass sie ja nur den Patienten helfen wollen. Hinter diesen vordergr\u00fcndig altruistischen Motiven noch den legitimen Verkaufswunsch wahrzunehmen, f\u00e4llt dann sehr schwer.<\/p>\n<p>Aber was ist mit dem Wunsch von Herrn Hartmann, unbedingt das neue Medikament ausprobieren zu wollen? War er einfach nur durch gut gemachte Werbung beeinflusst worden?<br \/>\nIch denke, das w\u00e4re zu kurz gegriffen. Mein Eindruck war n\u00e4mlich, dass es Herrn Hartmann um mehr ging, als nur das Insulin zu vermeiden. Er setzte extreme Hoffnungen in die Wirkung des neuen Medikaments. Mir kam es vor, als wenn er sich ein Mittel vorstellte, das nicht nur die Blutzuckerwerte verbesserte, sondern vielleicht sogar den Diabetes ganz heilen k\u00f6nnte.<br \/>\nDass er wenig begeistert war, als ich ihm diesen vermeintlichen Ausweg ausreden wollte, war mir jetzt klar.<\/p>\n<p>Bei neuen Medikamenten scheint es eine interessante Allianz zwischen der Handlungslogik von Pharmafirmen und Patienten zu geben. Der Verkaufswunsch der Pharmaindustrie trifft auf den Heilungswunsch der Patienten. Zwischen diesen Extremen als Arzt t\u00e4tig zu sein, ist immer wieder eine spannende Herausforderung. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kollege erz\u00e4hlte mir k\u00fcrzlich von einem merkw\u00fcrdigen Erlebnis in seiner Praxis. Er hatte Besuch von einem Pharmareferenten gehabt, dessen Firma ein neues Medikament zur Diabetesbehandlung herstellt. 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