{"id":512,"date":"2014-05-30T15:38:24","date_gmt":"2014-05-30T13:38:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=512"},"modified":"2019-11-25T12:37:36","modified_gmt":"2019-11-25T10:37:36","slug":"012-schwankungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=512","title":{"rendered":"012  &#8211;  Schwankungen"},"content":{"rendered":"<p>Jedes Mal, wenn ich hinter Frau Sanders die T\u00fcr meines Sprechzimmers schlie\u00dfe, breitet sich eine intensive Traurigkeit in mir aus. So ist es auch heute wieder, und ich muss erst einmal tief atmen, um wieder sprechen zu k\u00f6nnen. Eine bleierne Schwere lastet auf mir, obwohl ich eben noch mit meinen Kollegen bei einem Kaffee gelacht habe.<\/p>\n<p><!--more Zum ganzen Artikel --><\/p>\n<p>Frau Sanders ist 79 Jahre alt und seit etwa drei Jahren meine Patientin. Dass sie aus dem Hessischen kommt, kann sie nicht verbergen, denn sie spricht diesen Dialekt sehr ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Schon bei unserem ersten Kontakt erz\u00e4hlte sie mir, dass sie nicht ganz freiwillig nach Hamburg gezogen ist. Sie ist ihren Kindern gefolgt, die schon seit vielen Jahren hier wohnen. Ihr Sohn habe ihr klargemacht, dass er sich nicht um sie k\u00fcmmern k\u00f6nne, falls es ihr einmal schlechter geht und sie dann noch immer weit weg von ihm lebt.<\/p>\n<p>Ich erlebe es h\u00e4ufig, dass Patienten mir aus ihrem Leben berichten. Die Erkrankung scheint dann in den Hintergrund ger\u00fcckt zu sein. Mir wird von Freude und Leid berichtet, aber nicht im gleichen Ma\u00df. Trauer, Wut und Verzweiflung treten h\u00e4ufiger zu Tage, als Freude und Fr\u00f6hlichkeit. Aber gerade bei Patienten, die ich lange kenne, darf ich mich bei sch\u00f6nen Ereignissen mitfreuen &#8211; und muss in schweren Stunden mitleiden.<\/p>\n<p>Frau Sanders erz\u00e4hlte mir bei unseren ersten Terminen wenig aus ihrem Leben. Sie zeigte mir aber ihr sorgf\u00e4ltig gef\u00fchrtes Diabetes-Tagebuch. Dabei waren schon auf den ersten Blick sehr starke Blutzuckerschwankungen zu erkennen. Zwischen leichten Unterzuckerungen und Werten von bis zu 400 mg\/dl lag die Schwankungsbreite. Mir war v\u00f6llig unklar, worin die Ursache liegen konnte.<\/p>\n<p>Technische Probleme wie ein defekter Insulinpen, ein fehlerhaftes Blutzuckermessger\u00e4t oder eine sehr stark variable Ern\u00e4hrungsweise konnten rasch ausgeschlossen werden.<\/p>\n<p>Eine weitere Ursache von solchen Blutzuckerschwankungen kann im Bereich der Stellen liegen, in die die Patienten das Insulin spritzen. Wird hier ein Hautareal besonders h\u00e4ufig oder gar ausschlie\u00dflich benutzt, ver\u00e4ndert sich das Unterhautfettgewebe. Das Insulin wird nur noch mit sehr gro\u00dfer Variabilit\u00e4t vom K\u00f6rper aufgenommen. Starke, nicht vorhersehbare Schwankungen des Blutzuckers sind die Folge.<\/p>\n<p>Bei Frau Sanders lag aber auch dies Problem nicht vor. Sie wechselte die Spritzstellen bei jeder Injektion. Die Hautbefunde waren unauff\u00e4llig. Die Blutzuckerschwankungen blieben also zun\u00e4chst r\u00e4tselhaft.<\/p>\n<p>Etwas ver\u00e4nderte sich aber im Verlauf der Monate. Frau Sanders erz\u00e4hlte mir mehr aus ihrem Leben. Ab dann hielt jene intensive Traurigkeit in mein Sprechzimmer Einzug, die seither meine Termine mit ihr begleitet.<\/p>\n<p>Frau Sanders deutete die schwere Entt\u00e4uschung an, die ihr Umzug nach Hamburg f\u00fcr sie war. Sie hatte ihre Freunde in der hessischen Heimat verlassen und gehofft, im Norden im Kontakt mit ihren Kindern und Enkelkindern einen Ersatz zu finden. Diese Hoffnung war schwer entt\u00e4uscht worden. Denn Kinder und Enkelkinder f\u00fchrten ihr eigenes Leben. Sie hatten wenig Kontakt zur Gro\u00dfmutter.<\/p>\n<p>Wenn Frau Sanders an Feier- oder Geburtstagen aber bei ihrer Familie gewesen war, war sie bei unserem n\u00e4chsten Termin deutlich fr\u00f6hlicher als sonst. Mir kam es vor, als s\u00e4he sie sogar hoffnungsvoll in die Zukunft.<\/p>\n<p>Doch das n\u00e4chste Stimmungstief lie\u00df nicht lange auf sich warten. Ich dachte, dass die Schwankungen, egal ob in der Stimmung oder den Blutzuckerwerten, eine Eigenart meiner Patientin sind. Sie erschienen mir nicht ver\u00e4nderbar.<\/p>\n<p>Mein Eindruck wurde st\u00e4rker, als Frau Sanders noch auf eine andere Art zu schwanken begann.<\/p>\n<p>Es war an einem Dienstag Anfang Dezember, als Frau Sanders mit mehreren heftigen Bluterg\u00fcssen im Gesicht zu mir in die Sprechstunde kam. Es war eigentlich einer unserer Diabetes-Kontrolltermine, aber unser Gespr\u00e4ch kam sofort auf die deutlich sichtbaren Verletzungen.<\/p>\n<p>Was war passiert? Frau Sanders konnte es sich selbst nicht erkl\u00e4ren, aber pl\u00f6tzlich hatte der Boden unter ihr zu schwanken begonnen. Sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sie war in ihrer Wohnung heftig gest\u00fcrzt und gleich ins Krankenhaus gefahren worden. Dort wurde sie ger\u00f6ntgt und zum Gl\u00fcck hatte sie sich nichts gebrochen.<\/p>\n<p>Wenn Menschen mit Diabetes st\u00fcrzen, denke ich als Diabetologe als erstes an zu niedrige Blutzuckerwerte als Ursache. Mein Denken ist hier gebahnt. Gebahnt durch die Erfahrung mit vielen meiner Patienten. Mir wurden schon viele Unf\u00e4lle berichtet, die sich im Rahmen von Unterzuckerungen ereignet hatten. Teilweise mit schweren Verletzungen als Folge.<\/p>\n<p>Genauso war es mir daher auch bei Frau Sanders ergangen. Vom Sturz zum Gedanken an eine Unterzuckerung war es nur ein kurzer Schritt.<\/p>\n<p>In diesem Fall stimmte er aber nicht. Frau Sanders hatte wenige Minuten vor dem Sturz ihren Blutzucker gemessen und er war deutlich au\u00dferhalb der Gefahrenzone f\u00fcr eine Unterzuckerung gewesen. Und auch die wenige Minuten nach dem Sturz eingetroffenen Rettungsassistenten der Feuerwehr Hamburg hatten den Blutzucker getestet. Sie hatten ebenfalls keinen Anhalt f\u00fcr eine Unterzuckerung gehabt.<\/p>\n<p>In der n\u00e4chsten Zeit berichtete Frau Sanders mir immer wieder von St\u00fcrzen. Zumeist gingen sie glimpflich aus, und sie zog sich au\u00dfer ein paar blauen Flecken nie schwere Verletzungen zu.<\/p>\n<p>Aber die St\u00fcrze wurden h\u00e4ufiger, und einmal mussten auch wir in der Praxis Zeugen eines solchen Sturzes werden. Frau Sanders, die immer alleine zu den Terminen bei mir erschien, ging in Begleitung einer Arzthelferin den Flur entlang, als sie pl\u00f6tzlich in sich zusammensackte. Sie war dabei wach und ansprechbar, sank aber in die Arme meiner Mitarbeiterin, die sie vorsichtig zu Boden gleiten lie\u00df. Als ich hinzu kam, wurden bereits Blutdruck und Blutzucker gemessen. Beides war v\u00f6llig normal.<\/p>\n<p>Was war geschehen? Ich hatte keine Erkl\u00e4rung. Frau Sanders konnte sich auch nach l\u00e4ngerem Ausruhen und einer Tasse Kaffee nicht selbst\u00e4ndig auf den Beinen halten. Wir riefen einen Krankenwagen, der sie in die nahe Klink brachte.<\/p>\n<p>Wie schon bei mehreren Aufenthalten im Krankenhaus zuvor, konnte auch diesmal die Ursache f\u00fcr die merkw\u00fcrdigen Kollapszust\u00e4nde von Frau Sanders nicht gefunden werden. Nach wenigen Tagen wurde sie wieder nach Hause entlassen.<\/p>\n<p>Fast jeder Mensch hat schon einmal Schwindel versp\u00fcrt. Der Schwindel ist dabei ein fl\u00fcchtiges Symptom und gerade deswegen schwer zu fassen. Zumeist ist er harmlos und verschwindet von selbst wieder.<\/p>\n<p>Patienten mit h\u00e4ufigerem Schwindel leiden an einem Zustand, der pl\u00f6tzlich, unvorhersehbar und nur gelegentlich auftritt. Ein Zusammenhang mit einem inneren oder \u00e4u\u00dferen Geschehen ist meist nicht erkennbar. Die Bel\u00e4stigung und das Leiden an diesem Zustand wird hierdurch noch verst\u00e4rkt. Dann gilt es f\u00fcr Patient und Arzt, eine solche Situation auszuhalten.<\/p>\n<p>Genau dies bef\u00fcrchtete ich auch bei Frau Sanders. Aber genau so unverhofft, wie Schwindel und Kollapszust\u00e4nde gekommen waren, verschwanden sie auch wieder.<\/p>\n<p>Ich ben\u00f6tigte einige Termine, um zu bemerken, dass sich seit dem Verschwinden der Kollapszust\u00e4nde noch etwas anderes ver\u00e4ndert hatte. Frau Sanders erschien jetzt immer in Begleitung zu den Terminen bei mir. Mal war es der Sohn, der mit ihr kam, mal die Schwiegertochter. Ich erfuhr, dass auch au\u00dferhalb der Termine bei mir Kinder und Enkelkinder sich um meine Patientin k\u00fcmmerten und ihr im Alltag helfen mussten.<\/p>\n<p>Durch vielleicht gar nicht so geheimnisvolle Kr\u00e4fte war der Schwindel bei Frau Sanders gekommen und wieder gegangen.\u00a0Die Schwankungen der Blutzuckerwerte blieben ihr und mir aber erhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes Mal, wenn ich hinter Frau Sanders die T\u00fcr meines Sprechzimmers schlie\u00dfe, breitet sich eine intensive Traurigkeit in mir aus. 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