{"id":408,"date":"2014-01-13T23:26:33","date_gmt":"2014-01-13T21:26:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=408"},"modified":"2019-11-25T12:38:08","modified_gmt":"2019-11-25T10:38:08","slug":"010-patienten-arzt-beziehung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=408","title":{"rendered":"010  &#8211;  Patienten-Arzt-Beziehung"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich ist mir w\u00e4hrend meiner Sprechstunde mal wieder aufgefallen, wie unterschiedlich meine Patienten sind, und auf wie vielf\u00e4ltige Weise sie die Beziehung zu mir gestalten.<\/p>\n<p><!--more Zum ganzen Artikel--><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Ihnen zun\u00e4chst von Herrn St\u00f6hr berichten. Er ist 54 Jahre alt und scheint immer genau zu wissen, was er von mir will. Zu den Terminen erscheint er stets gut vorbereitet. Ich begr\u00fc\u00dfe ihn an der T\u00fcr vom Wartezimmer und gehe mit ihm in mein Sprechzimmer. Er nimmt das Gespr\u00e4ch dann meist selbst in die Hand. Er gibt mir einen \u00dcberblick, \u00fcber welche Themen er heute mit mir sprechen m\u00f6chte. Gelegentlich hat er einen kleinen Notizzettel dabei, damit er nichts Wichtiges vergisst.<\/p>\n<p>Herr St\u00f6hr \u00fcbernimmt dabei ganz selbstverst\u00e4ndlich die Gespr\u00e4chsf\u00fchrung und leitet mich durch seine Themen.  Manchmal m\u00f6chte er lediglich die aktuellen Laborwerte von mir erfahren und besprechen, ob eine Ver\u00e4nderung seiner Diabetestherapie notwendig ist. Manchmal hat er aber auch ein besonderes Thema, das ihm am Herzen liegt. K\u00fcrzlich war dies seine Planung f\u00fcr eine Reise nach S\u00fcdamerika. Er wollte wissen, ob er wegen seines Diabetes dabei etwas Spezielles beachten muss. Nie vergisst er, mich am Ende unseres Gespr\u00e4chs zu fragen, ob ich noch einen zus\u00e4tzlichen Punkt habe, den wir besprechen sollten. Herrn St\u00f6hr kann und muss ich das Feld \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Eine andere Patientin ist Frau Tromm. Sie legt Wert darauf, attraktiv zu erscheinen und es gelingt ihr auch. Sie hat einen Typ 1-Diabetes und kommt ein- bis zweimal im Jahr zu mir. Dabei f\u00e4llt mir eine Eigenart an ihr auf: Sie duzt mich best\u00e4ndig. Ich hingegen sieze sie und habe ihr das Du auch nie angeboten.<\/p>\n<p>Am Anfang ist mir ihr Duzen gar nicht so richtig aufgefallen. Ich meine mich zu erinnern, dass sie die direkte Anrede eher vermieden hat. Im Verlauf der Jahre kam ich aber nicht umhin festzustellen, dass sie mich immer nur duzt. Dabei spricht sie mich nie mit meinem Vornamen an. Aber ein &#8222;Sie&#8220; oder ein &#8222;Herr Klinge&#8220; habe ich auch noch nie von ihr vernommen. Sie bleibt konsequent beim Du.<\/p>\n<p>Das Duzen von Frau Tromm war mir lange Zeit r\u00e4tselhaft. Aber noch r\u00e4tselhafter war mir mein eigenes Verhalten. Ich habe nie den Versuch unternommen, sie auf die unpassende Anrede anzusprechen. Dabei bin ich sonst eigentlich nicht um ein offenes Wort verlegen. Irgendetwas hielt mich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ich habe mich gefragt, ob ihr Duzen etwas mit mir pers\u00f6nlich zu tun hat. Sollte ich mich &#8222;angemacht&#8220; f\u00fchlen? Ich begann zu beobachten, wie Frau Tromm mit den anderen Mitarbeitern in der Praxis umgeht. Und auch hier duzt sie einfach jeden. Dort f\u00e4llt es aber weniger auf, da sich unsere jungen Arzthelferinnen mit gleichaltrigen Patientinnen h\u00e4ufiger duzen.<\/p>\n<p>Als Frau Tromm mal f\u00fcr ein paar Tage im Krankenhaus war, erz\u00e4hlte mir eine Diabetesberaterin, dass Frau Tromm auch dort alle Mitglieder des Diabetes-Teams ungefragt geduzt hat. Sie hatten dort im Team auch \u00fcberlegt, ob es etwas mit ihnen zu tun hatte.<\/p>\n<p>Diese Beobachtungen entspannten mich. Ich musste das Duzen also nicht pers\u00f6nlich nehmen. Damit verlor das Thema f\u00fcr mich seine Brisanz. Auffallend und ungew\u00f6hnlich blieb es aber dennoch.<\/p>\n<p>Mit der Zeit bekam ich eine Vorstellung davon, was Frau Tromm dazu brachte, das medizinische Fachpersonal grunds\u00e4tzlich zu duzen. Ich vermute, dass es etwas mit der Rollenverteilung zwischen Patient und Arzt zu tun hat. Auch im langj\u00e4hrigen und vertrauten Verh\u00e4ltnis zwischen Patient und Arzt bleibt eine Differenzspannung bestehen.<\/p>\n<p>Die Rolle des Arztes ist die eines beratenden Spezialisten. Das Verh\u00e4ltnis zu seinen Patienten ist ein berufliches und auf deren Erkrankung bezogen. Der Patient hingegen ist im Kontakt zum Arzt nicht in einer professionellen, sondern in einer privaten Rolle. Die Spannung wird noch zus\u00e4tzlich verst\u00e4rkt, da es sich um eine Beziehung zwischen einem Kranken und einem Gesunden handelt. Von beiden Beteiligten muss dies ausgehalten werden, und genau das f\u00e4llt Frau Tromm so schwer. Ich denke, dass das Duzen die Spannung f\u00fcr sie reduziert. M\u00f6glicherweise wird sie erst hierdurch f\u00fcr sie aushaltbar, und sie f\u00fchlt sich weniger krank.<\/p>\n<p>Dass es sich nicht um eine wirkliche L\u00f6sung der Spannung handelt, erkenne ich daran, dass jetzt ich die Spannung auszuhalten habe, die durch das unpassende Duzen entsteht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Herr Schwarzer einen Termin bei mir hat, bedeutet das immer eine kleine Herausforderung. Er ist ein Mann von Mitte sechzig, bestimmt einen Meter achtzig gro\u00df und von \u00fcberw\u00e4ltigender Statur. Er gestaltet das Verh\u00e4ltnis zu mir sehr kraftvoll. Und das nicht nur sinnbildlich. Sein H\u00e4ndedruck zur Begr\u00fc\u00dfung ist so kr\u00e4ftig, dass ich aufpassen muss, ihn ausreichend kr\u00e4ftig zu erwidern. Als ich ihn erst kurz kannte und seine Eigenart noch nicht realisiert hatte, tat mir nach der Begr\u00fc\u00dfung immer eine Zeit lang die Hand weh.<\/p>\n<p>Bei jedem unserer Termine leitet der kr\u00e4ftige H\u00e4ndedruck ein nicht minder druckvolles Gespr\u00e4ch ein. Ich habe dabei immer das Gef\u00fchl, mich gegen einen latenten Vorwurf wehren zu m\u00fcssen. Dies geschieht fast unmerklich und ohne dass Herr Schwarzer einen Vorwurf ausspricht oder auch nur andeutet. Ich habe diesen unangenehmen Eindruck bei jedem unserer Termine.<\/p>\n<p>Seine S\u00e4tze beginnt er gerne mit einem &#8222;Lieber Herr Dr. Klinge, ich muss Sie einmal fragen&#8230;&#8220;. Dann folgt direkt die Schilderung eines Erlebnisses, die immer in eine Frage m\u00fcndet.<\/p>\n<p>Fragen gestellt zu bekommen und richtige Antworten zu geben ist eine der Hauptt\u00e4tigkeiten eines Arztes und mir sehr vertraut. Die Fragen von Herr Schwarzer strahlen aber eine solche Kraft ab, dass ich mit der Antwort genauso gegenhalten muss, wie beim H\u00e4ndedruck zur Begr\u00fc\u00dfung.<\/p>\n<p>Dabei habe ich mit der Zeit festgestellt, dass Herr Schwarzer sehr gut damit umgehen kann, wenn ich keine Antwort auf eine Frage habe und das offen sage. Vage oder ausweichende Antworten werden von ihm aber sofort aufgesp\u00fcrt und kommentiert.<\/p>\n<p>Die Gespr\u00e4che mit Herrn Schwarzer sind eher ein Kr\u00e4ftemessen als eine typische \u00e4rztliche Konsultation. Er testet jedes Mal, ob ich kr\u00e4ftig genug f\u00fcr ihn bin. Bis jetzt klappt das ganz gut. Ich muss aber jedes Mal meine Kr\u00e4fte sammeln, bevor ich ihn aus dem Wartezimmer abhole.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der Besch\u00e4ftigung mit diesen drei sehr unterschiedlichen Patienten f\u00e4llt mir auf, dass sie alle drei eine spezielle Art haben, die Beziehung zu mir zu gestalten. Und dies wirkt sich direkt auf mich aus.<\/p>\n<p>Mein Handeln in der Arzt-Patienten-Beziehung ist auch eine sehr spezielle Antwort auf die sehr speziellen Anforderungen, die an mich durch manche Patienten gestellt werden. Diese Anforderungen sind nicht medizinischer Natur.<\/p>\n<p>Ich lehne mich entspannt zur\u00fcck und nehme hin, dass die Gespr\u00e4chsf\u00fchrung vom Patienten ausgeht. Ich halte die Spannung aus die entsteht, wenn ich ungefragt geduzt werde. Ich antworte auf die Notwendigkeit, kr\u00e4ftig zu agieren, um dem Patienten im Widerpart den Halt zu geben, den er offensichtlich ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Patienten, die die etablierte Rollenverteilung auf ihre Weise ver\u00e4ndern, erfordern von mir Beweglichkeit. Wenn es mir gelingt, diese Antwort zu finden, erlebe ich dies regelm\u00e4\u00dfig als eine besondere Befriedigung in meinem Beruf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich ist mir w\u00e4hrend meiner Sprechstunde mal wieder aufgefallen, wie unterschiedlich meine Patienten sind, und auf wie vielf\u00e4ltige Weise sie die Beziehung zu mir gestalten. 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