{"id":380,"date":"2013-09-01T14:47:47","date_gmt":"2013-09-01T12:47:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=380"},"modified":"2019-11-25T12:38:20","modified_gmt":"2019-11-25T10:38:20","slug":"009-die-kraft-von-lehrmeinungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=380","title":{"rendered":"009  &#8211;  Die Kraft von Lehrmeinungen"},"content":{"rendered":"<p>Vor kurzem erz\u00e4hlte mir Herr Claussen von einem merkw\u00fcrdigen Erlebnis mit seinem Hausarzt. Es ging um die Frage, ob Herr Claussen auf Dauer das Medikament Marcumar\u00ae (Phenprocoumon) einnehmen soll. Es setzt die Blutgerinnung stark herab, sodass das Blut nur sehr langsam gerinnt. H\u00e4ufig wird dieser Effekt auch als &#8222;Blutverd\u00fcnnung&#8220; bezeichnet.<br \/>\n<!--more Zum ganzen Artikel --><br \/>\nDer Wirkstoff Phenprocoumon geh\u00f6rt in die Gruppe der Coumarine, die seit gut 60 Jahren in der Medizin eingesetzt werden. Einer der ersten Menschen, der jemals damit behandelt wurde, war 1953 der amerikanische Pr\u00e4sident Dwight D. Eisenhower. <\/p>\n<p>Die Behandlung von Menschen mit diesem Medikament ist heute so allt\u00e4glich, dass man sich kaum noch daran erinnert, dass der Wirkstoff in der Tierhaltung entdeckt wurde.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nAnfang der 1930er Jahren traten in Kanada und den USA bei Rindern mysteri\u00f6se Todesf\u00e4lle auf. Immer wieder verbluteten Tiere auf den Weiden, ohne dass sich schwere Verletzungen nachweisen lie\u00dfen. Farmer und Tier\u00e4rzte waren erschrocken und standen vor einem R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Erst im Jahr 1936 gelang es, dieses R\u00e4tsel zu l\u00f6sen. Forscher fanden in verdorbenem S\u00fc\u00dfklee eine Substanz, die die Blutgerinnung stark herabsetzt. Wenn Tiere diesen S\u00fc\u00dfklee zu fressen bekommen, k\u00f6nnen die gef\u00e4hrlichen Blutungen ausgel\u00f6st werden. Die Gruppe der Coumarine war entdeckt.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDa es beim Menschen mehrere Krankheiten oder Zust\u00e4nde gibt, bei denen die Blutgerinnung zu stark zu sein scheint, lag es nahe, diese Substanz in der \u00e4rztlichen Behandlung einzusetzen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nHaupts\u00e4chlich geschieht dies heute in drei Situationen:<\/p>\n<p>&#8211; nach einer Beinvenen-Thrombose<\/p>\n<p>&#8211; nach dem Einsetzen einer k\u00fcnstlichen Herzklappe<\/p>\n<p>&#8211; und bei Menschen mit der Herzrhythmusst\u00f6rung Vorhofflimmern.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nIn allen drei F\u00e4llen bilden sich Gerinnsel in der Blutbahn, und der Einsatz von Gerinnungshemmern wie Marcumar ist daher heute Standard in der Therapie. Die Behandlung kann zum Teil die Bildung der Gerinnsel und damit die lebensbedrohlichen Komplikationen verhindern.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nHerr Claussen geh\u00f6rt in die Gruppe der Menschen mit Vorhofflimmern. Vor gut 5 Jahre trat es erstmalig auf, und es ging ihm dabei sehr schlecht. Pl\u00f6tzlich raste sein Puls mit 180 Schl\u00e4gen pro Minute und der Blutdruck war sehr niedrig. Sein Hausarzt erkannte die Gefahr sofort und schickte ihn mit dem Krankenwagen in das n\u00e4chste Krankenhaus.<\/p>\n<p>Dort gelang es mit Medikamenten, den Puls zu normalisieren und das Herz wieder in einen regelm\u00e4\u00dfigen Rhythmus zu bringen. Leider trat unter der Behandlung jetzt das Gegenteil des zu schnellen Herzschlags auf. Das Herz schlug teilweise viel zu langsam. Herr Claussen hatte starken Schwindel und konnte sich kaum auf den Beinen halten.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nAlle Versuche, mit einer niedrigeren Dosis der bremsenden Medikamente auszukommen, schlugen fehl. Sofort kam es wieder zu Anf\u00e4llen mit Herzrasen.<\/p>\n<p>Die \u00c4rzte im Krankenhaus mussten daher eine andere L\u00f6sung finden. Sie setzten Herrn Claussen einen Herzschrittmacher ein. Der sch\u00fctzt ihn seither vor einer zu niedrigen Herzfrequenz. Wenn das Herz seltener als 60 mal in der Minute schl\u00e4gt, springt der Herzschrittmacher unmerklich ein.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nMit diesem Schutz konnten nun die Medikamente gegen das Vorhofflimmern und den damit verbundenen zu schnellen Herzschlag h\u00f6her dosiert werden. Herrn Claussen ging es damit sehr gut, und er hatte seither keinerlei Herzbeschwerden mehr versp\u00fcrt.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDie modernen Herzschrittmacher haben noch eine weitere F\u00e4higkeit: Sie \u00fcberwachen die elektrische Funktion des Herzens und f\u00fchren ein Protokoll, wenn Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten auftreten. Dieses Protokoll kann der Kardiologe mittels eines Sensors, der auf die Haut im Bereich des Schrittmachers gelegt wird, in seinen Computer einlesen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nAuch Herrn Claussens Kardiologe hatte diese Untersuchung durchgef\u00fchrt und dabei festgestellt, dass gelegentlich \u00fcber einige Minuten Vorhofflimmern hat. Herr Claussen hatte davon gar nichts bemerkt. In einer solchen Phase von Vorhofflimmern kann sich ein Blutgerinnsel im linken Herzteil bilden. Wenn ein derartiges Gerinnsel mit dem Blutstrom aus dem Herzen herausgesp\u00fclt wird, kann es im Gehirn landen und dort einen Schlaganfall verursachen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDaher ist es in F\u00e4llen von Vorhofflimmern Standard, lebenslang eine Behandlung mit Marcumar durchzuf\u00fchren. So stand es dann auch als Empfehlung im Bericht des Kardiologen an den Hausarzt.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nAls Herr Claussen einen Tag sp\u00e4ter mit diesem Bericht bei seinem Hausarzt sitzt, geht pl\u00f6tzlich alles sehr schnell. Er solle doch m\u00f6glichst sofort mit der Behandlung mit Marcumar beginnen, schl\u00e4gt sein Hausarzt vor. Sonst drohe ihm ein Schlaganfall.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDie Eindringlichkeit der Worte seines vertrauten Hausarztes und die Eile mit dem Beginn der Behandlung erschreckten ihn. Er hatte pl\u00f6tzlich das Gef\u00fchl, sich in gro\u00dfer Gefahr zu befinden. Dabei waren es doch nur wenige kurze Phasen gewesen, in denen sein Herz unregelm\u00e4\u00dfig schlug.<\/p>\n<p>Der Schrecken bewirkte aber, dass er sich erstmal mit allem einverstanden erkl\u00e4rte. Am n\u00e4chsten Tag sollte noch eine Blutuntersuchung erfolgen, und abends sollte er die erste Dosis von Marcumar einnehmen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nZuhause angekommen f\u00fchlte er sich angespannt. Irgendwie hatte er bei der ganzen Sache ein ungutes Gef\u00fchl. Alles war so schnell gegangen. Je l\u00e4nger er wieder zuhause war, desto mehr kam er zur Ruhe. Und mit der Ruhe wurde ihm klar, dass er mehr Informationen ben\u00f6tigte. Die Entscheidung f\u00fcr die Behandlung mit Marcumar hatte nicht er selbst, sondern irgendwie sein Hausarzt f\u00fcr ihn getroffen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nEr setzte sich an seinen Computer und recherchierte im Internet. Nach meiner Erfahrung kann die Suche nach medizinischen Informationen im Internet schnell in die Irre f\u00fchren, aber Herr Claussen hatte ein gutes Gesp\u00fcr. Er fand eine seri\u00f6se Quelle mit Informationen \u00fcber das Risiko f\u00fcr Schlaganfall bei Menschen mit Vorhofflimmern.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nZun\u00e4chst lernte er, dass es keine Rolle spielt, ob das Vorhofflimmern dauerhaft besteht oder nur phasenweise. Das Risiko f\u00fcr einen Schlaganfall ist in beiden F\u00e4llen ann\u00e4hernd gleich.<\/p>\n<p>Wie hoch das Risiko f\u00fcr einen Schlaganfall mit und ohne Behandlung ist, kann mit dem CHADS2-Score ausgerechnet werden. Und genau diesen Rechner fand Herr Claussen auf einer Internetseite.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nF\u00fcr ihn waren drei Zahlen interessant:<\/p>\n<p>&#8211; ca. 5 % pro Jahr ist sein Risiko f\u00fcr einen Schlaganfall ohne Behandlung<\/p>\n<p>&#8211; ca. 2 % pro Jahr ist sein Risiko f\u00fcr einen Schlaganfall bei Einnahme von Marcumar<\/p>\n<p>&#8211; ca. 3 % pro Jahr ist sein Risiko f\u00fcr einen Schlaganfall bei der Einnahme von ASS<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nNach dem Gespr\u00e4ch mit seinem Hausarzt war Herr Claussen von einem weitaus h\u00f6heren Risiko ausgegangen. Er war jetzt ruhiger und wusste, dass er sich mit seiner Entscheidung Zeit lassen konnte, zumal er ASS schon seit vielen Jahren t\u00e4glich einnahm.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nIm Verlauf des Tages fiel ihm auch ein, woher sein pl\u00f6tzliches Unbehagen gekommen war, als die Therapiem\u00f6glichkeit mit Marcumar angesprochen worden war: Ein Freund der Familie nimmt schon l\u00e4ngere Zeit Marcumar ein und hatte vor einigen Monaten einen kleinen Autounfall erlitten. Auf den ersten Blick war nur ein Blechschaden entstanden. Aber ein paar Stunden nach dem Unfall hatte der Freund L\u00e4hmungserscheinungen bemerkt, und im Krankenhaus war eine Blutung im Kopf festgestellt worden. Diese w\u00e4re ohne Marcumar wohl nicht aufgetreten. Es war eine Operation im Kopf notwendig geworden, um das Blut zu entfernen. Der Freund hatte sich zum Gl\u00fcck vollst\u00e4ndig erholt.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nIn die Betrachtung der Behandlung mit Marcumar musste also neben dem Nutzen auch ein m\u00f6gliches Risiko mit in Betracht gezogen werden. F\u00fcr Herrn Claussen war dieses Risiko fast greifbar. Die Krankheit des Freundes war ihm sehr pr\u00e4sent.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nMit diesen Informationen sa\u00df Herr Claussen am n\u00e4chsten Morgen bei seinem Hausarzt. Er erkl\u00e4rte ihm, dass er jetzt nicht mit der Marcumar-Behandlung beginnen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Sehr sachlich und etwas k\u00fchl kl\u00e4rte der Hausarzt ihn dar\u00fcber auf, dass dies auf sein eigenes Risiko geschehe. Er lie\u00df sich einen Zettel unterschreiben, auf dem er den eigenen Willen von Herrn Claussen dokumentierte.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nNachdem der Zettel unterschrieben war lockerte, sich etwas bei seinem Arzt. Er unterst\u00fctzte nun Herrn Claussens Entscheidung, kein Marcumar einzunehmen, und erz\u00e4hlte von sich selbst. Er leidet auch an anfallsweisem Vorhofflimmern und hatte sich ebenfalls gegen eine Behandlung mit Marcumar entschieden.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nHerr Claussen sp\u00fcrte wieder die bekannte Vertrautheit zwischen ihnen beiden und erz\u00e4hlte von den Ergebnissen seiner Recherche. Sein Arzt best\u00e4tigte ihm die Zahlen und erz\u00e4hlte ihm, dass er aus den selben Gr\u00fcnden die gleiche Entscheidung getroffen habe.<\/p>\n<p>In seiner Rolle als Arzt w\u00fcrde er sich aber verpflichtet f\u00fchlen, ihm den etablierten Standard der Behandlung zu empfehlen. Da k\u00f6nne er einfach nicht anders.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nMich hat dieses Erlebnis irritiert. Ganz offensichtlich gibt es in der Medizin vorherrschende Lehrmeinungen, die sehr kr\u00e4ftig sind.<\/p>\n<p>Diese paradigmatischen Lehrs\u00e4tze entfalten eine fast magnetische Anziehung, der man sich als Arzt nicht entziehen kann und sich kaum traut, dagegen zu handeln.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDies war dem Hausarzt von Herrn Claussen passiert. Die Lehrmeinung &#8222;bei Vorhofflimmern gibt man Marcumar&#8220; schien so zwingend, dass er seinem Patienten sprachlich und nicht sprachlich vermittelte, dass diese Therapie alternativlos sei.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nAls der Patient sich ebenso nachdr\u00fccklich gegen dieses Urteil stellte, konnte er zu seinem Arzt vordringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor kurzem erz\u00e4hlte mir Herr Claussen von einem merkw\u00fcrdigen Erlebnis mit seinem Hausarzt. Es ging um die Frage, ob Herr Claussen auf Dauer das Medikament Marcumar\u00ae (Phenprocoumon) einnehmen soll. 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