{"id":360,"date":"2013-07-07T19:36:31","date_gmt":"2013-07-07T17:36:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=360"},"modified":"2019-11-25T12:38:38","modified_gmt":"2019-11-25T10:38:38","slug":"008-gute-grunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=360","title":{"rendered":"008  &#8211;  Gute Gr\u00fcnde"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder treffe ich Patienten, deren Handeln mir r\u00e4tselhaft erscheint. Eine solche Patientin ist auch Frau Moor. Frau Moor ist 25 Jahre alt und hat seit ihrer Kindheit einen Typ 1-Diabetes. Sie spritzt sich seit mehr als 20 Jahren Insulin. Ich sehe sie in meiner Sprechstunde \u00e4u\u00dferst selten, meist kommt sie nur alle 1-2 Jahre. Dann ist immer irgendetwas Dramatisches passiert, und sie kommt spontan ohne einen Termin.<br \/>\n<!--more Zum ganzen Artikel --><\/p>\n<p>So ist es auch heute, und ich gerate dadurch unter Zeitdruck. Die Patienten mit einem Termin erwarten von mir, dass ich p\u00fcnktlich bin.<\/p>\n<p>Frau Moor erz\u00e4hlt mir, dass es ihr in den letzten beiden Tagen nicht gut ging. Ein Magen-Darm-Infekt hatte sie erwischt und fest im Griff. Sie f\u00fchlt sich v\u00f6llig matt und ausgelaugt.<\/p>\n<p>Was denn die Blutzuckerwerte machen w\u00fcrden, frage ich. Die hat sie gar nicht gemessen. Zuletzt vor drei oder vier Tagen. Da lag der Blutzucker bei 390 mg\/dl. Viel zu hoch.<\/p>\n<p>Ich bin erschrocken. Bei Menschen mit einem Typ 1-Diabetes kann ein heftiger Magen-Darm-Infekt zu einer schweren, lebensbedrohlichen Stoffwechselentgleisung f\u00fchren.<\/p>\n<p>Um solche Entgleisung rechtzeitig zu bemerken und dann zu behandeln, muss man unbedingt die Blutzuckerwerte messen. Warum war Frau Moor so unvern\u00fcnftig gewesen, dies nicht zu tun? Ich stand vor einem R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis vor einiger Zeit habe ich ein solch unvern\u00fcnftiges Verhalten verurteilt. Mit dem etablierten \u00e4rztlichen Blick handelt es sich um eine Selbstvernachl\u00e4ssigung, vielleicht sogar eine Autoaggression. Als Arzt, so hatte ich es \u00fcbernommen, muss man hier entschieden handeln und die Patienten vor sich selbst sch\u00fctzen.<br \/>\nIn der Regel habe ich dann deutliche Anweisungen ausgesprochen, in der Hoffnung, eine \u00c4nderung zu erzielen.<br \/>\nGelungen ist das eigentlich nie. Ich hatte aber keine Idee, was ich sonst machen sollte. Immerhin handelte es sich zumeist um bedrohliche Situationen.<\/p>\n<p>Auf einer Fortbildung mit der Psychologin Susan Clever erfuhr mein Blick eine deutliche Ver\u00e4nderung. Von ihr lernte ich, dass Menschen eigentlich immer aus guten Gr\u00fcnden handeln. Ein wirklich absichtsvoll destruktives Verhalten ist die absolute Ausnahme.<br \/>\nDas Problem ist aber, dass die guten Gr\u00fcnde h\u00e4ufig sehr verborgen liegen und die Patienten sie nie von selbst ansprechen. Ihre Empfehlung war es daher, die Patienten nach ihren &#8222;guten Gr\u00fcnden&#8220; zu fragen.<\/p>\n<p>Das habe ich seither mehrfach getan und immer wieder Erstaunliches erlebt. Zwei Patienten sind mir dabei besonders in Erinnerung geblieben.<\/p>\n<p>Frau Wenzel, eine Anfang 60 j\u00e4hrige Patientin, strebt sehr niedrige Blutzuckerwerte an. Eigentlich ist sie nur zufrieden, wenn der Blutzucker nicht h\u00f6her als 100 mg\/dl liegt. Ihren HbA1c-Wert m\u00f6chte sie am liebsten in einem Bereich unterhalb von 6 % halten. Sie spritzt Insulin und berechnet ihre Insulindosen immer so, dass daraus Werte im von ihr gew\u00fcnschten Bereich resultieren.<\/p>\n<p>Nun ist seit einigen Jahren durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt, dass nicht nur hohe, sondern besonders auch sehr niedrige Blutzuckerwerte eine Gefahr f\u00fcr die Menschen mit Diabetes darstellen. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass zu niedrige Blutzuckerwerte das Risiko f\u00fcr Herzinfarkt und Demenz erh\u00f6hen und sogar die Lebenserwartung verk\u00fcrzen k\u00f6nnen.<br \/>\nVor diesen Gefahren wollte ich Frau Wenzel sch\u00fctzen. Ich erz\u00e4hlte ihr von den neuen Forschungsergebnissen und riet ihr, ihren Diabetes nicht so streng einzustellen.<br \/>\nSie hat ihr Verhalten aber nicht ge\u00e4ndert, und bei mehreren Kontrollen war ihr Diabetes weiterhin zu niedrig eingestellt. Auch hatte sie mehrere dramatische Unterzuckerungen erlitten.<\/p>\n<p>Bei einem der n\u00e4chsten Termine fragte ich Frau Wenzel dann, warum sie ihren Diabetes so niedrig einstellt. Sie habe sicherlich ihre guten Gr\u00fcnde daf\u00fcr.<br \/>\nFrau Wenzel kannte ihre &#8222;guten Gr\u00fcnde&#8220; sehr genau. Sie erinnerte mich daran, dass sie bis vor 7 Jahren eine sehr schlechte Diabetes-Einstellung gehabt hatte. Trotz intensiver Bem\u00fchungen war es nicht gelungen, gute Blutzuckerwerte zu erzielen: die Werte lagen um 250 mg\/dl, durchweg viel zu hoch. Die Umstellung auf eine Insulinpumpe brachte dann die Wende.<br \/>\nFrau Wenzel will durch ihre niedrigen Blutzuckerwerte heute einen Ausgleich f\u00fcr die bedrohlich hohen Werte von fr\u00fcher schaffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der zweite Patient der mir einf\u00e4llt, ist Herr Meier. Herr Meier ist Anfang f\u00fcnfzig und hat best\u00e4ndig sehr hohe Blutzuckerwerte. Fast nie finden sich in seinem Blutzuckertagebuch Werte kleiner als 200 mg\/dl. Sein HbA1c, also der Langzeitblutzuckerwert, liegt bei 9,5 %. G\u00fcnstig w\u00e4ren Werte zwischen 7,0-7,5 %, was mittleren Blutzuckwerten von etwa 120 mg\/dl entspricht.<br \/>\nDie zu hohen Blutzuckerwerte von Herrn Meier erh\u00f6hen auf l\u00e4ngere Sicht sein Risiko, schwere Folgesch\u00e4den an Augen, Nieren oder Nerven zu erleiden. Ich war besorgt.<\/p>\n<p>Auch Herrn Meier hatte ich zahlreiche Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung seiner Diabetestherapie gemacht. Er spritzt mehrfach t\u00e4glich Insulin, und ich hatte bei jedem Termin eine Steigerung der Dosis empfohlen. Aber auch Herr Meier hat meine Empfehlungen nicht umgesetzt. Jedes Mal wenn die Sprache darauf kam, sp\u00fcrte ich einen Widerstand bei ihm und eine Anspannung bei mir. Ich hatte aber keine Ahnung, warum.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich, als ich auch Herrn Meier nach seinen guten Gr\u00fcnden fragte. Er erz\u00e4hlte mir von seiner Sorge, die Arbeit zu verlieren. Er muss beruflich viel Auto fahren und hat Angst, dass er wegen einer Unterzuckerung am Steuer seinen F\u00fchrerschein verlieren k\u00f6nnte. Daher hat er sich selbst einen Zielbereich von 200 mg\/dl ausgew\u00e4hlt, damit er von der Unterzuckerungsgrenze m\u00f6glichst weit entfernt liegt.<br \/>\nDie Sorge um seinen Arbeitsplatz war geradezu greifbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit den Erinnerungen an diese Patienten habe ich Frau Moor gefragt, was ihre &#8222;guten Gr\u00fcnde&#8220; sind, sich um ihren Diabetes so wenig zu k\u00fcmmern. Sie spritzt eigentlich nur einmal am Tag ein Langzeitinsulin und misst fast nie ihren Blutzucker. Dramatisch hohe Blutzuckerwerte sind die Folge.<\/p>\n<p>Frau Moor wurde bei meiner Frage etwas verlegen. Mit leiser Stimme erz\u00e4hlte sie mir dann, dass sie am liebsten m\u00f6chte, dass der Diabetes gar nicht da ist. Eine lange Pause entstand.<\/p>\n<p>Das Blutzuckermessen, die Insulininjektion und besonders die Arzttermine w\u00fcrden sie an den Diabetes erinnern. Daher w\u00fcrde sie versuchen, dies alles so weit wie m\u00f6glich zu vermeiden. Das Langzeitinsulin w\u00fcrde sie regelm\u00e4\u00dfig spritzen, da sie sonst schnell im Krankenhaus landen w\u00fcrde. Das hatte sie bereits erlebt, als sie das Insulin mal vergessen hatte.<\/p>\n<p>Ich habe mir angew\u00f6hnt, in Situationen wie diesen meine Patienten nach ihren guten Gr\u00fcnden zu fragen. Aus den Erz\u00e4hlungen der Patienten entsteht dann manchmal ein Ansatzpunkt f\u00fcr eine L\u00f6sung.<br \/>\nSo traute sich zum Beispiel Herr Meier im Verlauf an einen etwas niedrigeren Blutzucker-Zielbereich heran. Dieser lag zwar immer noch h\u00f6her als der Idealwert, hat aber ein niedrigeres Risiko f\u00fcr Folgeerkrankungen.<\/p>\n<p>Bei Frau Moor gab es leider keine so schnelle L\u00f6sung. Den Stachel, dass sie an einer schweren chronischen Erkrankung leidet, konnte ich ihr nicht nehmen. Denn es gibt bisher keine Heilung f\u00fcr einen Typ 1-Diabetes.<br \/>\nAber unsere Beziehung hat sich deutlich verbessert, seitdem ich ihre guten Gr\u00fcnde kenne. Unsere Gespr\u00e4che verlaufen entspannter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder treffe ich Patienten, deren Handeln mir r\u00e4tselhaft erscheint. Eine solche Patientin ist auch Frau Moor. Frau Moor ist 25 Jahre alt und hat seit ihrer Kindheit einen Typ 1-Diabetes. Sie spritzt sich seit mehr als 20 Jahren Insulin. Ich sehe sie in meiner Sprechstunde \u00e4u\u00dferst selten, meist kommt sie nur alle 1-2 Jahre. 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