{"id":334,"date":"2013-05-20T11:35:24","date_gmt":"2013-05-20T09:35:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=334"},"modified":"2019-11-25T12:38:49","modified_gmt":"2019-11-25T10:38:49","slug":"007-vorsorge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=334","title":{"rendered":"007  &#8211;  Vorsorge?"},"content":{"rendered":"<p>An einem entspannten Nachmittag im Sommer rufe ich Herrn Behrmann als meinen letzten Patienten auf. Anders als die meisten meiner Patienten leidet er nicht an einem Diabetes. Er hat sich bei meinem Praxispartner einen Termin f\u00fcr eine Dickdarmspiegelung geben lassen und kommt heute zu mir f\u00fcr das aufkl\u00e4rende Vorgespr\u00e4ch. <!--more Zum ganzen Artikel --><\/p>\n<p>Ich merke gleich, dass Herr Behrmann es gewohnt ist, Gespr\u00e4che aktiv zu f\u00fchren und zu gestalten. Er schildert mir sein Anliegen ganz ohne mein Zutun. Ich kann mich entspannt zur\u00fccklehnen und ihm zuh\u00f6ren. Herr Behrmann ist gerade 47 Jahre alt geworden und besch\u00e4ftigt sich mit der Frage, ob eine vorsorgliche Dickdarmspiegelung sinnvoll sein k\u00f6nnte. Zwei seiner Kollegen haben eine solche Untersuchung vor Kurzem hinter sich gebracht. Sie fanden die Prozedur unangenehm. Dennoch haben sie ihrem Kollegen empfohlen, sich ebenfalls einer Dickdarmspiegelung zu unterziehen.<\/p>\n<p>Herr Behrmann ist in leitender Position als Berater t\u00e4tig. Sein Unternehmen hat zahlreiche Kunden im Gesundheitswesen, und die Mitarbeiter verf\u00fcgen \u00fcber umfangreiches Fachwissen.<\/p>\n<p>Er geht daher davon aus, dass seine Kollegen die Entscheidung f\u00fcr ihre Vorsorge-Untersuchung aus guten Gr\u00fcnden getroffen haben. Worauf genau sich die Entscheidung seiner Kollegen gr\u00fcndet, wei\u00df er aber nicht.<\/p>\n<p>Fast jeden Tag werde ich von meinen Patienten nach sinnvollen Vorsorgeuntersuchungen gefragt. Meinen Patienten geht es dabei zumeist um Krebserkrankungen.<\/p>\n<p>Bei n\u00e4herem Nachdenken wird allerdings klar, dass es Vorsorge-Untersuchungen gar nicht gibt. Denn die als Vorsorge-Untersuchungen bezeichneten Tests sind in Wirklichkeit Fr\u00fcherkennungs-Untersuchungen. Es muss also schon etwas vorhanden sein, das dann durch eine Untersuchungen erkannt werden kann. Dabei kann es sich um die Fr\u00fchform einer Krebserkrankung, zu hohe Cholesterinwerte oder einen bisher nicht entdeckten Diabetes handeln.<\/p>\n<p>Beim Dickdarmkrebs liegen die Dinge etwas anders. Bei der Dickdarmspiegelung wird nach gutartigen Polypen gesucht. Diese Polypen haben die Eigenschaft, im Verlauf der Zeit zu wachsen und dann in eine Dickdarmkrebs-Erkrankung \u00fcberzugehen. Nach aktuellen Forschungsergebnissen geht man davon aus, dass sich der Dickdarmkrebs zumeist aus zun\u00e4chst nicht-b\u00f6sartigen Polypen entwickelt. Von der Entstehung eines Polypens bis zu seiner Ver\u00e4nderung in eine Krebsgeschwulst vergehen im Mittel 10 Jahre.<\/p>\n<p>Das Konzept der vorsorglichen Dickdarmspiegelung beruht auf der Idee, die Polypen zu entdecken und zu entfernen, bevor sich eine Krebserkrankung aus ihnen entwickelt. Obwohl dieses Konzept in sich sehr schl\u00fcssig ist, konnte bisher nicht nachgewiesen werden, dass es auch wirksam ist.<\/p>\n<p>In Deutschland haben seit gut 10 Jahren alle gesetzlich Krankenversicherten im Alter ab 55 Jahren ein Anrecht auf eine Vorsorge-Koloskopie. Viele Menschen nehmen diese Untersuchung seither in Anspruch.<\/p>\n<p>Bisher konnte aber nicht gezeigt werden, dass hierdurch weniger Menschen an Dickdarmkrebs erkranken oder sterben. Erste positive Ergebnisse zum dem Programm in Deutschland wurden in 2010 ver\u00f6ffentlicht. Sie beruhen aber bisher auf Hochrechnungen und statistischen Modellen.<\/p>\n<p>Gleich zu Beginn unseres Gespr\u00e4chs wurde mir deutlich, dass Herr Behrmann sich gar nicht sicher war, ob er eine Dickdarmspiegelung vornehmen lassen sollte. Ihn interessiert zun\u00e4chst, ob er denn in seinem Alter ein erh\u00f6htes Dickdarmkrebsrisiko hat. Nur dann w\u00fcrde f\u00fcr ihn eine solche Untersuchung sinnvoll sein. Er fragte mich ganz konkret nach der H\u00f6he seines Risikos.<\/p>\n<p>Ich musste nicht lange \u00fcberlegen, wie wir diese Informationen finden k\u00f6nnten.<br \/>\nSeit Jahren verwende ich ein professionelles Informationssystem. Es ist f\u00fcr mich eine unverzichtbare und wirklich unabh\u00e4ngige Wissensquelle geworden. Ich kann dort jederzeit m\u00fchelos auf Artikel von Experten auf ihrem Gebiet zugreifen. Das Ausma\u00df der wissenschaftlichen Objektivit\u00e4t ist frappant.<\/p>\n<p>Als Arzt bezahlt man einen hohen Jahresbeitrag und erh\u00e4lt daf\u00fcr ein System, das von Einfl\u00fcssen der Pharma-Industrie frei ist. Seit der Gr\u00fcndung vor 20 Jahren ist das System stark gewachsen und beinhaltet mittlerweile fast alle Fachgebiete der Medizin. Das System ist so umfassend, dass ich es nur ganz selten erlebe, dass ich auf meine Frage keine Antwort oder Hilfestellung finde. Rund um die Welt wird UpToDate\u00ae von gut 700.000 \u00c4rzten als ihre Wissensquelle verwendet.<\/p>\n<p>Als ich Herrn Behrmann von diesem System erz\u00e4hlte, war er gleich sehr interessiert. Ich drehte meinen Monitor so um, dass wir beide darauf lesen konnten. Wir fanden sofort einen Artikel \u00fcber Fr\u00fcherkennungs-Untersuchungen auf Dickdarmkrebs. Gemeinsam st\u00f6berten wir in dem Artikel und stellten fest, dass sich die Empfehlungen unterschieden, je nachdem ob ein Mensch ein durchschnittliches oder ein erh\u00f6htes Risiko f\u00fcr eine Dickdarmkrebs-Erkrankung hat. Ein erh\u00f6hten Risiko liegt dann vor, wenn<\/p>\n<p>&#8211; bereits fr\u00fcher ein Dickdarmpolyp festgestellt wurde,<\/p>\n<p>&#8211; eine chronische entz\u00fcndliche Darmerkrankung vorliegt oder<\/p>\n<p>&#8211; bei einem Verwandten 1. Grades ein Dickdarmkrebs oder ein Dickdarmpolyp festgestellt wurde.<\/p>\n<p>Alle drei Punkte konnte Herr Behrmann verneinen. Er geh\u00f6rt somit in die Gruppe der Menschen mit einem durchschnittlichen Risiko f\u00fcr die Entwicklung eines Dickdarmkrebses. F\u00fcr solche Menschen wird empfohlen, mit 50 Jahren eine erste vorsorgliche Dickdarmspiegelung durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Herr Behrmann fand diese Informationen hilfreich und ihre Herkunft seri\u00f6s. Ihn irritierte aber, dass seine beiden Kollegen ihm dennoch zu dieser Untersuchung so intensiv geraten hatten. Beide sind, genau wie er selbst, deutlich j\u00fcnger als 50 Jahre. Bevor er sich f\u00fcr oder gegen eine Untersuchung entscheiden konnte, wollte er sie unbedingt nach ihren Beweggr\u00fcnden n\u00e4her befragen. Mein Angebot, ihm den Artikel aus UpToDate auszudrucken, nahm er gerne an. Ihm war schon vorher der Gedanke gekommen, dass diese Datenbank auch f\u00fcr seine Firma eine hilfreiche Informationsquelle sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wie vereinbart, erhielt ich wenige Tage sp\u00e4ter von Herrn Behrmann eine E-Mail. Er sagte darin seinen Termin f\u00fcr die Untersuchung ab.<\/p>\n<p>Er hatte mit seinen Kollegen gesprochen und dabei erfahren, dass bei dem einen Kollegen mehrere Familienmitglieder in jungen Jahren an Dickdarmkrebs erkrankt waren. Er geh\u00f6rte deshalb in die Gruppe der Menschen mit einem erh\u00f6hten Risiko.<\/p>\n<p>Der andere Kollege hatte etliche Monate lang an einem Projekt gearbeitet, bei dem es um die Behandlung von Dickdarmkrebs ging. Mit der Zeit hatte er Angst bekommen, er k\u00f6nne selber von der Erkrankung betroffen sein. Er hatte sich wohl &#8222;seelisch angesteckt&#8220; und dann zu seiner Beruhigung die Dickdarmspiegelung vornehmen lassen.<\/p>\n<p>Herr Behrmann schrieb mir abschlie\u00dfend, dass er diese Angst nicht habe und sich in drei Jahren, nach seinem 50. Geburtstag wieder melden w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem entspannten Nachmittag im Sommer rufe ich Herrn Behrmann als meinen letzten Patienten auf. Anders als die meisten meiner Patienten leidet er nicht an einem Diabetes. Er hat sich bei meinem Praxispartner einen Termin f\u00fcr eine Dickdarmspiegelung geben lassen und kommt heute zu mir f\u00fcr das aufkl\u00e4rende Vorgespr\u00e4ch. 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