{"id":322,"date":"2013-04-07T19:01:51","date_gmt":"2013-04-07T17:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=322"},"modified":"2019-11-25T12:39:02","modified_gmt":"2019-11-25T10:39:02","slug":"006-wie-es-ist-nicht-zu-spuren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=322","title":{"rendered":"006  &#8211;  Wie es ist, nicht zu sp\u00fcren"},"content":{"rendered":"<p>Es war einer dieser typischen Montage, an denen sich die ungeplanten Ereignisse aneinander reihen. Ich war schon mehrfach in meiner Sprechstunde gest\u00f6rt worden, und jetzt schrieb mir auch noch meine Wundassistentin aus dem Untersuchungsraum, dass sie meine Hilfe bei einer Patientin ben\u00f6tigt. &#8222;Das Bein von Frau Lange sieht gar nicht gut aus&#8220; las ich auf meinem Monitor. <!--more Zum ganzen Artikel --> Also verabschiedete ich mich von dem gerade bei mir sitzenden Patienten und ging in den hinteren Teil unserer Praxis.<\/p>\n<p>Frau Lange sa\u00df in unserem Fu\u00dfbehandlungsraum auf dem Behandlungsstuhl. Schon beim Betreten des Raumes war das akute Problem nicht zu \u00fcbersehen gewesen. Ihr linkes Bein war feuerrot verf\u00e4rbt und massiv geschwollen. Ich war erschrocken.<\/p>\n<p>Frau Lange ist eine freundliche, 76 j\u00e4hrige Frau, die ich schon seit mehreren Jahren als Patientin kenne. Ihr Diabetes ist mit Tabletten gut eingestellt, als Folge der Erkrankung war dennoch eine Nervenfunktionsst\u00f6rung, also eine Polyneuropathie entstanden. Frau Lange hatte davon kaum etwas selbst bemerkt. Auf meine Frage hin beschrieb sie ein leichtes Taubheitsgef\u00fchl in beiden F\u00fc\u00dfen, etwas wattig beim Gehen. Dies hatte f\u00fcr sie aber keine gro\u00dfe Einschr\u00e4nkung dargestellt. Das Thema war eher beil\u00e4ufig in unseren Terminen zur Sprache gekommen.<\/p>\n<p>Eine Polyneuropathie ist bei Menschen mit einem langj\u00e4hrigen Diabetes mellitus eine h\u00e4ufige Komplikation. Bei einer Diabetesdauer von mehr als 25 Jahren sind bis zu 50 Prozent der Patienten davon betroffen. Dabei m\u00fcssen nicht immer Beschwerden bestehen. Ein gro\u00dfer Teil der Patienten ist sogar v\u00f6llig beschwerdefrei und die Polyneuropathie wird bei der j\u00e4hrlichen Routine-Untersuchung festgestellt. Der typische Test hierf\u00fcr besteht aus der Untersuchung mit einer Stimmgabel, die unterschiedlich starke Schwingungen erzeugen kann<\/p>\n<p>Bei der Untersuchung wird die angeschlagene Stimmgabel am Fu\u00df aufgesetzt. Die Schwingung \u00fcbertr\u00e4gt sich auf den Fu\u00df und kann dort gesp\u00fcrt werden.<\/p>\n<p>Gesunde Menschen sp\u00fcren bei diesem Test auch noch sehr feine Schwingungen. Menschen mit einer Polyneuropathie nehmen selbst starke Schwingungen nicht mehr wahr. Der Test ist einfach durchzuf\u00fchren und dauert nur wenige Minuten. Er ist sehr verl\u00e4sslich.<\/p>\n<p>Bei Menschen mit einer Polyneuropathie verschwindet ganz langsam das Empfinden f\u00fcr Ber\u00fchrung, Druck und Schmerz an den F\u00fc\u00dfen. Dies langsame Ersterben der Wahrnehmung wird von den meisten Menschen selbst gar nicht gesp\u00fcrt. Der Dortmunder Diabetologe und Philosoph Alexander Risse spricht vom Leibesinselschwund.<\/p>\n<p>Man kann sich den K\u00f6rper als die Wahrnehmung von vielen Leibesinseln wie Kopf, Bauch, Hand und Fu\u00df vorstellen. Bei einem Menschen mit einer Polyneuropathie verschwinden ganz langsam die Leibesinseln der F\u00fc\u00dfe. Sind die Leibesinseln ganz verschwunden, kann der Patient sich seine F\u00fc\u00dfe zwar ansehen, er empfindet sie aber als nicht wirklich zu seinem K\u00f6rper geh\u00f6rend.<\/p>\n<p>Anstellen des Bildes vom Schwund der Leibesinseln wurde fr\u00fcher vielfach der Begriff Neclect verwendet. Ein solcher Begriff beinhaltet auch den Aspekt von Vernachl\u00e4ssigung und nicht-wahrnehmen-wollen. Das Verhalten von Menschen mit einer Polyneuropathie ist aber keine gewollte Vernachl\u00e4ssigung, sondern die F\u00fc\u00dfe werden aufgrund der Empfindungsst\u00f6rung als nicht mehr zum K\u00f6rper geh\u00f6rend wahrgenommen, so als w\u00e4ren sie gar nicht da. Und um etwas, das gar nicht da ist, k\u00fcmmert man sich auch nicht.<\/p>\n<p>F\u00fcr Gesunde ist so etwas nicht nachf\u00fchlbar.<\/p>\n<p>Bei Frau Lange hatte ich im Verlauf der Jahre ein immer weiter abnehmendes Vibrationsempfinden an den F\u00fc\u00dfen gemessen und eine Polyneuropathie diagnostiziert. Frau Lange selbst hatte den Verlust ihrer Empfindung gar nicht bemerkt.<\/p>\n<p>Nach meiner Erfahrung geht das vielen Patienten so. Ihr Sp\u00fcren ist doppelt beeintr\u00e4chtigt:<br \/>\nEs erstirbt langsam die Wahrnehmung f\u00fcr die Reize an den F\u00fc\u00dfen.<br \/>\nUnd sie k\u00f6nnen dieses Absterben der Empfindung nicht wahrnehmen.<\/p>\n<p>Neben dieser gro\u00dfen Gruppe gibt es noch eine zweite kleinere Gruppe. Diese Menschen empfinden das Absterben ihrer Wahrnehmungen an den F\u00fc\u00dfen als beunruhigend und qu\u00e4lend. F\u00fcr sie ist diese Verarmung ihrer K\u00f6rperempfindung fast nicht auszuhalten.<\/p>\n<p>F\u00fcr beide Gruppen kann es aber gleicherma\u00dfen dramatische Auswirkungen haben, wenn sie ein K\u00f6rperteil nicht mehr richtig sp\u00fcren. Es fehlen wichtige Warnsignale, die zum Leben dazugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Jeder kennt die schlimmen Schmerzen, wenn man sich eine Blase gelaufen hat. Diese Schmerzen sind bei einem Menschen mit einer Polyneuropathie nicht vorhanden. Im ersten Moment mag man kein Problem darin sehen, aber mit dem Verlust des Schmerzempfindens verliert sich auch der Schutz, der hiervon ausgeht. Fehlt der Schutz durch die Schmerzempfindung, so fehlen ganze Dimensionen: nicht nur kleine Verletzungen bleiben unbemerkt, es fehlt auch die Selbstgewissheit, die wir alle aus unserem K\u00f6rper beziehen.<\/p>\n<p>Und was passiert bei einer solch gest\u00f6rten Wahrnehmung nun mit der Blase? Sie wird m\u00f6glicherweise platzen und darunter entsteht eine kleine Wunde. Unbemerkt kommt es zu einer Ausbreitung des Problems.<\/p>\n<p>Eine solche kleine Wunde war vor 3 Wochen auch bei Frau Lange aufgetreten. Sie hatte sich ein Druckgeschw\u00fcr unter dem Vorfu\u00dfballen zugezogen und musste seither zweimal in der Woche in unsere Praxis zur Wundbehandlung und zum Verbandswechsel kommen. Eigentlich h\u00e4tte ein Pflegedienst bei ihr zuhause den zweiten Verbandswechsel \u00fcbernehmen k\u00f6nnen, aber Frau Lange wollte auf keinen Fall fremde Menschen in der Wohnung haben. Sie nahm dann lieber den Aufwand auf sich, zweimal pro Woche zu uns in die Praxis zu kommen.<\/p>\n<p>Nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die Form der eigenen F\u00fc\u00dfe ver\u00e4ndert sich durch die Polyneuropathie. Denn die kleinen Haltemuskeln im Fu\u00df erlahmen und es entstehen an der Fu\u00dfsohle beim Laufen Stellen mit hohem Druck. Hier bildet sich vermehrt Hornhaut, die als harte Hornhautschwiele etliche Millimeter dick werden kann. Sie wirkt im Schuh wie ein kleiner Stein auf dem der Patient best\u00e4ndig heruml\u00e4uft.<\/p>\n<p>Genauso war es bei Frau Lange auch geschehen. Bei ihr war es unter der Hornhaut zu einem Druckgeschw\u00fcr gekommen. Wir hatten die Hornhautschwiele abgetragen und die Wunde darunter versorgt. Bisher war der Heilungsverlauf unkompliziert gewesen. Frau Lange hatte einen speziellen Verbandschuh bekommen, damit m\u00f6glichst wenig Druck auf der Wunde lastet.<\/p>\n<p>An diesem Montag zeige sich nun aber eine dramatische Ver\u00e4nderung. Frau Lange erz\u00e4hlte, dass am vergangenen Wochenende das linke Bein angeschwollen war. Sie hatte es daran gemerkt, dass sie ihre normale Hose nicht mehr anziehen konnte. Das Bein war zu dick, um ins Hosenbein zu passen.<\/p>\n<p>Bei der Untersuchung war das gesamte linke Bein von der Ferse bis zur Leiste stark geschwollen und massiv ger\u00f6tet. Ich war erschrocken, dass Frau Lange das Problem nur dadurch bemerkt hatte, dass sie ihre Hose nicht anziehen konnte. Jeder Patient ohne Polyneuropathie h\u00e4tte st\u00e4rkste Schmerzen gehabt und wohl auch die Schwellung selbst unangenehm gesp\u00fcrt.<\/p>\n<p>Frau Lange hingegen schaute etwas unbeteiligt auf ihr linkes Bein, als wenn es ein ihr fremdes Objekt w\u00e4re. Sie konnte den dramatischen Befund nicht erfassen.<\/p>\n<p>Das mussten wir nun \u00fcbernehmen. Ich war um das Bein von Frau Lange sehr besorgt. Ich dachte an eine schwere Infektion, die sich im Bein ausgebreitet haben k\u00f6nnte und die im wahrsten Sinne des Wortes eine Gefahr f\u00fcr Leib und Leben von Frau Lange bedeuten konnte. Sie musste noch heute in das Krankenhaus eingewiesen werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Frau Lange war die Entscheidung, sich im Krankenhaus behandeln zu lassen, schwierig. Sie f\u00fchlte sich gut und hatte keine Beschwerden. Sie hatte sich f\u00fcr den Termin bei uns einfach eine weite Gymnastikhose angezogen und das Problem damit f\u00fcr sich vermeintlich gel\u00f6st. Sie mochte mir nicht recht glauben, dass ihr Zustand wirklich so ernst war, wie ich es dachte.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberlegte, wie ich ihr helfen konnte, die Situation besser wahrzunehmen. Sie sa\u00df auf dem Behandlungsstuhl, das eine Bein in der Hose, das andere zur Behandlung au\u00dferhalb der Hose. Ich bat sie, die Hose ganz auszuziehen. So konnte sie ihre beiden Beine im Vergleich ansehen und mit den H\u00e4nden bef\u00fchlen. Jetzt erst fiel ihr der schlimme Zustand ihres linken Beines selbst auf und sie stellte fest, dass sich das linke Bein viel w\u00e4rmer anf\u00fchlte.<\/p>\n<p>Jetzt konnte ich das Krankenhaus anrufen und Frau Lange dort ank\u00fcndigen. Ein Krankenwagen w\u00fcrde sie direkt aus unserer Praxis dorthin bringen.<\/p>\n<p>Meine Erlebnisse mit dieser Patientin haben mich sehr beeindruckt. Einen solch weitreichenden Ausfall der Wahrnehmung f\u00fcr einen so dramatischen Zustand hatte ich zuvor noch nicht erlebt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Frau Lange gab es einen gl\u00fccklichen Ausgang. Durch die Behandlung im Krankenhaus ging die Infektion schnell zur\u00fcck und sie konnte nach weniger als 2 Wochen wieder zur\u00fcck nach Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einer dieser typischen Montage, an denen sich die ungeplanten Ereignisse aneinander reihen. 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