{"id":304,"date":"2013-03-03T20:18:37","date_gmt":"2013-03-03T18:18:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=304"},"modified":"2019-11-25T12:39:24","modified_gmt":"2019-11-25T10:39:24","slug":"005-eine-erschutterung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=304","title":{"rendered":"005  &#8211;  Ersch\u00fctterung"},"content":{"rendered":"<p>An einem sp\u00e4ten Dienstagvormittag im Dezember hole ich Frau Martin aus dem Wartezimmer und setze mich mit ihr in mein Sprechzimmer. Drau\u00dfen ist es klirrend kalt, so dass ich mich \u00fcber ihre dicke, gestrickte Wollm\u00fctze nicht wundere. Sie nimmt die M\u00fctze aber auch in meinem sehr warmen Sprechzimmer nicht ab.<br \/>\n<!--more Zum ganzen Artikel --><\/p>\n<p>Kaum, dass wir Platz genommen haben, breitet sich eine schwere Traurigkeit aus, und ich erinnere mich, dass vor knapp einem Jahr ihre Tochter an Brustkrebs gestorben war. Mit dem Beginn der Krankheit der Tochter war der Diabetes von Frau Martin entgleist. Es gelang ihr nicht mehr, die Blutzuckerwerte im gew\u00fcnschten Bereich zu halten. Ihre Energie, von der sie sonst reichlich zur Verf\u00fcgung hatte, war in der Betreuung der Enkelkinder und in der schweren Trauer schnell aufgebraucht.<br \/>\nEine solche Ersch\u00fctterung in ihrem Leben hatte die sonst gut funktionierende Selbstbehandlung ihres Diabetes schwer behindert. Ich war dar\u00fcber nicht \u00fcberrascht. Ihr Diabetes war zu diesem Zeitpunkt das Letzte, um dass sie sich k\u00fcmmern konnte und wollte.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich sind in Deutschland 8 Millionen Menschen an einem Diabetes mellitus erkrankt. Bei etwa der H\u00e4lfte ist die Erkrankung noch gar nicht diagnostiziert worden. Denn bei den allermeisten Menschen verursachen die erh\u00f6hten Blutzuckerwerte keinerlei Beschwerden. Meist steigt der Blutzucker \u00fcber viele Monate und Jahre so langsam, dass die dabei entstehenden Beschwerden wie M\u00fcdigkeit, leichtere Ersch\u00f6pfbarkeit und Konzentrationsschw\u00e4che kaum selbst wahrgenommen werden. Viele Menschen erkl\u00e4ren sich ihre Beschwerden auch mit dem zunehmenden Alter. &#8222;Ich bin ja auch nicht mehr der J\u00fcngste&#8220; h\u00f6re ich bei mir im Sprechzimmer.<\/p>\n<p>H\u00e4ufiges Wasserlassen und vermehrter Durst, ein ungew\u00f6hnlicher Gewichtsverlust stehen als typische Symptome in jedem Lehrbuch und finden sich auch in vielen Artikeln in der Laienpresse. In der Realit\u00e4t treten sie aber nur ganz selten auf.\u00a0Dass man an Diabetes erkrankt ist, kann mal also zumeist nicht ersp\u00fcren, sondern man muss einen Bluttest beim Arzt durchf\u00fchren lassen.<\/p>\n<p>Auch bei Frau Martin war der Diabetes zuf\u00e4llig gefunden worden. Sie war schon lange nicht zum Arzt gegangen, sie war ja immer gesund. Vor 10 Jahren hatte sie sich dann beim Wandern ein Knie verdreht. Als die Beschwerden auch \u00fcber Wochen nicht besser wurden, hatte ihr Orthop\u00e4de eine Kniegelenksspiegelung empfohlen. Zur Vorbereitung f\u00fcr die Narkose war auch eine Blutuntersuchung erfolgt. Der Diabetes bei Frau Martin war entdeckt worden. Diese Diagnose hatte Frau Martin sehr besch\u00e4ftigt. Sie qu\u00e4lte sich mit der Frage, ob sie eine Schuld am Ausbruch des Diabetes trug und wie viel Aufwand sie f\u00fcr die Behandlung w\u00fcrde betreiben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Frau Martin konnte ihren Diabetes zun\u00e4chst mit einer Umstellung der Ern\u00e4hrung und etwas mehr Bewegung g\u00fcnstig beeinflussen. Sie nahm an einer Diabetiker-Schulung teil und f\u00fchlte sich wohl. Nach 2 Jahren war dann eine Behandlung mit Tabletten notwendig geworden. Sie vertrug die Medikamente gut, sie wirkte durch die Behandlung wenig belastet.<\/p>\n<p>Dies \u00e4nderte sich schlagartig, als sich die Notwendigkeit einer Behandlung mit Insulin abzeichnete. Auch unter der maximalen Dosierung von zwei verschiedenen Medikamenten in Tablettenform stieg der Blutzucker weiter an. Frau Martin brauchte lange Zeit um sich an die Vorstellung zu gew\u00f6hnen, sich etwas zu spritzen. Sie nahm \u00fcber l\u00e4ngere Zeit hohe Blutzuckerwerte in Kauf und war erst zu einer Insulintherapie bereit, als sich bei ihr ein deutlicher Leistungsknick bemerkbar machte. Schweren Herzens willigte sie in einen Versuch mit Insulin ein.<\/p>\n<p>Der Schritt zu einer Behandlung mit Insulin ist f\u00fcr viele Patienten ein gro\u00dfer Schritt. Das Insulin muss gespritzt werden, man muss sich dabei etwas verletzen. Als Arzt, der t\u00e4glich mit dieser Entscheidung befasst ist, vergesse ich manchmal, wie schwer dieser Schritt ist.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich aber noch gut an meinen Diabetologen-Kurs vor gut 15 Jahren. Wir sa\u00dfen in dem alten H\u00f6rsaal der Chirurgie im Universit\u00e4tsklinikum Hamburg-Eppendorf. Auf seinen steil ansteigenden R\u00e4ngen hatten sich gut einhundert \u00c4rztinnen und \u00c4rzte eingefunden, alle diabetologisch t\u00e4tig. In einem Kurs \u00fcber zwei Wochen sollten wir einen \u00dcberblick \u00fcber die gesamte Diabetologie erhalten.<br \/>\nDer Referent zum Thema Insulintherapie hatte f\u00fcr jeden Teilnehmer eine steril verpackte, leere Einmalspritze mitgebracht. Nun sollten wir alle ausprobieren, wie mehr oder weniger schlimm die selbst durchgef\u00fchrte Injektion ist. Pl\u00f6tzlich wurde intensiv im Skript gelesen, musste die Tasche nach irgendetwas durchsucht oder ein kleines Schw\u00e4tzchen mit dem Nachbarn gehalten werden. In der Folge hat nur etwa die H\u00e4lfte unseres Kurses die Injektion bei sich durchgef\u00fchrt.<br \/>\nDas \u00fcberrascht mich in der R\u00fcckschau noch heute. Nat\u00fcrlich neige ich dazu, diese Erfahrung zu vergessen und recht sorglos und manchmal forsch zu einer Insulintherapie zu raten: Das erschrockene Gesicht, in das ich dann teilweise schaue, bringt die Erinnerung dann aber meist schnell wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Frau Martin hatte es auch eine gro\u00dfe \u00dcberwindung gekostet, mit den regelm\u00e4\u00dfigen Injektionen zu beginnen. Als sie nach kurzer Zeit aber sp\u00fcrte, dass ihre alte Leistungsf\u00e4higkeit zur\u00fcckkehrte, fiel es ihr leichter, bei dieser Therapie zu bleiben. Auch waren die Schmerzen durch die Injektion weit geringer, als sie es sich vorgestellt hatte.<\/p>\n<p>Auch wenn es vielen Patienten wie Frau Martin ergeht, ist f\u00fcr einige wenige Patienten jede Injektion auf Dauer eine schwere \u00dcberwindung. F\u00fcr sie ist auch der Stich mit der objektiv kleinen und d\u00fcnnen Injektionsnadel eine schwerwiegende Verletzung und schwer zu ertragen.<\/p>\n<p>Die Injektionsbehandlung ist aber auch ein deutliches Zeichen f\u00fcr den Schweregrad der Erkrankung.<br \/>\nMir kommt dabei ein Erlebnis aus dem vorletzten Sommer in den Sinn. Ich war Betreuer in einem Camp f\u00fcr Jugendliche mit Typ 1-Diabetes. Das Zeltlager f\u00fcr die 800 Teilnehmer und Betreuer war in der Mitte von Bad Segeberg aufgebaut worden.\u00a0Auf einem gro\u00dfen Rasenplatz standen 200 orangefarbene kleine Zelte zum Schlafen sowie ein hausgro\u00dfes Zelt f\u00fcr die Mahlzeiten und Workshops.<\/p>\n<p>Am Rand dieses Camps kam ich mit Spazierg\u00e4ngern ins Gespr\u00e4ch. Ein Paar, so um die 70 Jahre, ging mit seinem Hund spazieren und fragte mich, wer hier denn zelten w\u00fcrde. Ich erz\u00e4hlte von unseren Teilnehmern, die alle einen Diabetes h\u00e4tten und Insulin spritzen w\u00fcrden. &#8222;So jung und schon so ein schlimmer Diabetes?&#8220; war die Reaktion meiner Gespr\u00e4chspartner.<\/p>\n<p>Ein schwerer Diabetes ist f\u00fcr viele Menschen ein Diabetes, der mit Insulin behandelt wird. Und wenn es zuvor \u00fcber l\u00e4ngere Zeit mit Tabletten m\u00f6glich war, dann markiert der Beginn der Insulintherapie eine deutliche Verschlechterung der Erkrankung. Der Aufwand f\u00fcr die Therapie steigt rapide an und viele Menschen f\u00fchlen sich st\u00e4rker krank. Die subjektive und objektive Belastung durch einen Diabetes steigt mit dem Beginn einer Insulintherapie deutlich an. Mehrmals am Tag muss der Blutzucker gemessen und vor dem Essen Insulin gespritzt werden. Ist man unterwegs, muss man das Messger\u00e4t und den Insulinpen mitnehmen. Dieser Aufwand ist viel h\u00f6her als die Einnahme von Tabletten.<\/p>\n<p>Nach einiger Zeit bereitete Frau Martin die Insulintherapie weniger M\u00fche. Zumindest war dies mein Eindruck. Die regelm\u00e4\u00dfigen Injektionen stellten f\u00fcr sie keine gro\u00dfe H\u00fcrde dar und sie war damit erfolgreich.<br \/>\nDass diese nach au\u00dfen fast m\u00fchelos erscheinende Selbstbehandlung aber ein deutliches Ma\u00df an Konzentration und Energie verlangt, wurde mir sehr deutlich, als ihre Energie f\u00fcr andere Dinge in ihrem Leben ben\u00f6tigt wurde. Wie sehr sie durch den Krebstod der Tochter ersch\u00fcttert war, wurde mir erschreckend deutlich, als sie ihre dicke Wollm\u00fctze vom Kopf zog. Im Verlauf von etlichen Wochen waren ihr alle Haare ausgefallen und wuchsen nur ganz allm\u00e4hlich wieder nach. Eine Ersch\u00fctterung, die so stark war, hatte bei Frau Martin alle Lebensbereiche einbezogen &#8211; und damit auch die Selbstbehandlung ihres Diabetes.<\/p>\n<p>Das Erlebnis mit Frau Martin hat mich nachhaltig beeindruckt. Sie hatte mir klar gemacht, dass der Diabetes im Moment von ihr nicht besser behandelt werden kann. Sie hat mich an ihrer Ersch\u00fctterung teilhaben lassen. Sie musste dazu ihre M\u00fctze abnehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem sp\u00e4ten Dienstagvormittag im Dezember hole ich Frau Martin aus dem Wartezimmer und setze mich mit ihr in mein Sprechzimmer. Drau\u00dfen ist es klirrend kalt, so dass ich mich \u00fcber ihre dicke, gestrickte Wollm\u00fctze nicht wundere. Sie nimmt die M\u00fctze aber auch in meinem sehr warmen Sprechzimmer nicht ab. 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