{"id":246,"date":"2012-12-30T17:49:09","date_gmt":"2012-12-30T15:49:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=246"},"modified":"2019-11-25T12:40:20","modified_gmt":"2019-11-25T10:40:20","slug":"003-ein-fall-von-speiserohrenkrebs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=246","title":{"rendered":"003 &#8211; Ein Fall von Speiser\u00f6hrenkrebs?"},"content":{"rendered":"<p>Frau Thomsen sucht mich als Notfallpatientin auf. Sie ist Ende 20 und wir kennen uns von den regelm\u00e4\u00dfigen Kontrollterminen aufgrund ihres Diabetes. Sie spritzt Insulin. Heute ist sie aber aus einem ganz anderen Grund gekommen.<\/p>\n<p>Seit ein paar Tagen hat sie ein ganz merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl beim Essen.<br \/>\n<!--more Zum ganzen Artikel -->Sie sp\u00fcrt bei jedem Bissen, wie er in der Speisr\u00f6hre langsam herunterrutscht und am Ende irgendwie h\u00e4ngenbleibt. Das macht ihr gro\u00dfe Angst. Vor lauter Sorge hat sie ihr Symptom gegoogelt und schon bei der Eingabe der ersten paar Buchstaben des Wortes <em>Speiser\u00f6hre<\/em> komplettierte Google die Eingabe automatisch auf Speiser\u00f6hrenkrebs. An dieser Stelle waren sich Google und meine Patienten ganz einig: bei Frau Thomsen musste ein Speisr\u00f6hrenkrebs bestehen.<\/p>\n<p>Ohne dass ich auch nur ein einziges Wort gesagt hatte, berichtet sie mir zus\u00e4tzlich, dass sie auch etwas an Gewicht abgenommen habe und wollte eigentlich nur noch wissen, wann und wo bei ihr eine Speiser\u00f6hren- und Magenspiegelung vorgenommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcrte in mir das starke Verlangen, schnell einen Termin f\u00fcr diese Untersuchung zu vereinbaren. Mein Praxispartner f\u00fchrt Endoskopien durch, und er w\u00fcrde in diesem Fall bestimmt kurzfristig einen Untersuchungstermin anbieten. Auch passten die beiden Beschwerden Schluckst\u00f6rung und Gewichtsverlust sehr gut zu der Verdachtsdiagnose eines Speiser\u00f6hrenkrebes. Aber irgend etwas hielt mich zur\u00fcck. War es denn \u00fcberhaupt wahrscheinlich, dass meine junge, bisher gesunde Patientin an einem Speisr\u00f6hrenkrebs erkrankt war? Und brauchten wir wirklich eine Magenspiegelung?<\/p>\n<p>Im Alltag des Medizinbetriebs werden jeden Tag nicht nur Untersuchungen durchgef\u00fchrt, um eine Krankheit zu erkennen oder zu beweisen, sondern auch viele Untersuchungen, um eine Krankheit auszuschlie\u00dfen. Es gibt sogar einige Krankheiten, die dadurch definiert sind, dass man andere Krankheiten als Ursache von Beschwerden ausgeschlossen hat.<\/p>\n<p>Ein gutes Beispiel hierf\u00fcr ist das Reizdarm-Syndrom. Es gibt bei dieser Erkrankung zwar typische Beschwerden wie chronische Bauchschmerzen, Ver\u00e4nderungen des Stuhlgangs und h\u00e4ufig auch Bl\u00e4hungen. Die Ursache f\u00fcr diese Beschwerden kann aber auch eine chronisch entz\u00fcndliche Darmerkrankung oder eine Nahrungsmittelunvertr\u00e4glichkeit sein. Um keine wichtige, anders zu behandelnde Erkrankung zu \u00fcbersehen, ist in der aktuellen Leitlinie daher eine Basisdiagnostik vorgesehen. Neben einer gr\u00fcndlichen k\u00f6rperlichen Untersuchung durch den Arzt sind dies eine Blutuntersuchung, eine Ultraschalluntersuchung des Bauches, eine Dickdarmspiegelung und bei Frauen, die die Mehrzahl der Reizdarmsyndrom-Patienten stellen, auch eine Untersuchung beim Gyn\u00e4kologen.<\/p>\n<p>Die Ausschlussdiagnostik ist ein schwieriges Feld. Immer wieder habe ich es erlebt, dass ich mit Hilfe einer Untersuchung eine b\u00f6sartige oder sonstwie gef\u00e4hrliche Erkrankung ausgeschlossen hatte, der betreffende Patient dar\u00fcber aber gar nicht erleichtert zu sein schien. H\u00e4ufig war ich mir schon vor der Untersuchung ziemlich sicher gewesen, dass der Patient gar nicht gef\u00e4hrlich erkrankt war und habe die Untersuchung zu seiner Beruhigung durchgef\u00fchrt. Aber der gew\u00fcnschte Effekt will sich bei einigen Patienten einfach nicht einstellen.<\/p>\n<p>Auch gibt es Patienten, bei denen alleine die Veranlassung von Untersuchungen Angst ausl\u00f6st. Rock Hudson spielt in dem Film &#8222;Schick mir keine Blumen&#8220; einen hypochondrischen Mann, der jedes noch so kleine Symptom als Anzeichen einer schweren, todbringenden Erkrankung deutet. Sein Arzt, der ihn gut kennt, will eigentlich keine Untersuchung durchf\u00fchren, ist im Verlauf des Gespr\u00e4chs dann aber so genervt, dass er doch eine Untersuchung vorschl\u00e4gt. Dies wertet der Patient nun als klares Indiz, dass der Arzt doch eine schwere Erkrankung vermutet.<\/p>\n<p>Im Fall von Frau Thomsen h\u00e4tte der Blick in ein beliebiges Lehrbuch f\u00fcr Innere Medizin im Kapitel \u00fcber Speiser\u00f6hrenkrebs genau die von ihr beklagten Symptome geliefert. Dennoch z\u00f6gerte ich, die Magenspiegelung zu veranlassen.<\/p>\n<p>Mir war schon bei den ersten Worten meiner Patientin aufgefallen, dass sie heute ver\u00e4ndert erschien. Sie wirkte ersch\u00f6pft und in einem Ma\u00df ersch\u00fcttert, dass zu ihrer Angst einen Speiser\u00f6hrenkrebs zu haben nicht richtig zu passen schien. Auf meine Frage, wie es ihr denn ansonsten so geht, bekam ich Betr\u00fcbliches zu h\u00f6ren. Bei Ihrer Mutter war vor etwa einer Woche ein Speiser\u00f6hrenkrebs diagnostiziert worden und die Erkrankung war soweit fortgeschritten, dass sie bald daran sterben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Frau Thomsen hatte schon immer ein schwieriges Verh\u00e4ltnis zu ihrer Mutter gehabt und musste sich nun mit dem Gedanken besch\u00e4ftigen, sich von ihr zu verabschieden. Sie beschrieb mir, wie sie telefonisch von der Erkrankung ihrer Mutter erfahren hatte, und sich sofort ein Klo\u00df im Hals bei ihr eingestellt hatte. Am n\u00e4chsten Tag begannen dann die Schluckbeschwerden.<\/p>\n<p>Ich war mir jetzt v\u00f6llig sicher, dass Frau Thomsen nicht an einem Speiser\u00f6hrenkrebs erkrankt war. Dennoch dr\u00e4ngte sie weiter darauf, dass ich bei ihr eine Magenspiegelung durchf\u00fchren lie\u00dfe. Sie hatte sehr gro\u00dfe Angst und hoffte, dass eine Magenspiegelung mit einem g\u00fcnstigen Ergebnis die Angst vertreiben w\u00fcrde. Aus meiner Erfahrung jedoch war ich mir nicht so sicher, ob dies gelingen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ich habe Frau Thomsen gefragt, was denn passieren w\u00fcrde, wenn sie durch eine Magenspiegelung erfahren w\u00fcrde, dass alles in Ordnung ist. Nach einigem \u00dcberlegen sagte sie dann &#8222;Ich glaube, dann w\u00fcrde ich Angst vor etwas anderem bekommen.&#8220;<\/p>\n<p>Der Umgang mit Angst ist im Medizinbetrieb allgegenw\u00e4rtig. Die Angst der Patienten vor einer schweren Erkrankung, vor einer unangenehmen Untersuchung oder gar einer Operation. Die Angst der \u00c4rzte, Krankheiten zu \u00fcbersehen oder Fehler bei der Behandlung zu machen.<\/p>\n<p>Sehr \u00e4ngstlichen Patienten kann es dabei gelingen, \u00c4rzte mit ihrer Angst anzustecken, was zu unn\u00f6tigen Untersuchungen und zu einer Verl\u00e4ngerung der Zeit bis zur Beruhigung des Patienten f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Aber auch \u00c4rzte k\u00f6nnen Patienten in Unruhe versetzen.<\/p>\n<p>Mir ist dies vor einigen Monaten selbst passiert, und ich habe es erst nicht gemerkt. Bei fast jedem Patienten schaue ich mir im Computer seine Laborwerte an. Normalerweise gen\u00fcgt ein Klick und innerhalb von einer Sekunde sind die Ergebnisse auf dem Bildschirm. Durch eine Ver\u00e4nderung in der Software dauert dieser Vorgang aber jetzt viel l\u00e4nger. Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass einige Patienten sehr erschrocken und beunruhigt waren, w\u00e4hrend sie auf die Bekanntgabe der Laborergebnisse gewartet haben. Ich habe w\u00e4hrend der Wartezeit wohl immer einen ziemlich genervten Blick, den viele Patienten als Reaktion auf ihre Laborwerte verstanden haben. Erst als ein Patient mir ganz direkt sagte &#8222;Oh Gott Herr Doktor, so wie sie gerade gucken, bin ich wohl schon fast tot&#8220;, wurde mir klar, was passiert war. Seither vergesse ich beim Aufrufen der Laborwerte nie, den langsamen Computer zu erw\u00e4hnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Thomsen sucht mich als Notfallpatientin auf. Sie ist Ende 20 und wir kennen uns von den regelm\u00e4\u00dfigen Kontrollterminen aufgrund ihres Diabetes. Sie spritzt Insulin. Heute ist sie aber aus einem ganz anderen Grund gekommen. Seit ein paar Tagen hat sie ein ganz merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl beim Essen. 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