{"id":219,"date":"2012-11-04T18:55:35","date_gmt":"2012-11-04T16:55:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=219"},"modified":"2019-11-25T12:39:40","modified_gmt":"2019-11-25T10:39:40","slug":"002-arztliche-masnahmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=219","title":{"rendered":"002 &#8211;   \u00c4rztliche Ma\u00dfnahmen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn Frau Uhland zu mir in die Sprechstunde kommt, dann ist immer etwas Besonderes passiert. Sie kommt daher auch nicht zu einem vorher geplanten Termin, sondern ruft die Arzthelferinnen an, um einen ganz kurzfristigen Zwischentermin zu vereinbaren. Nach l\u00e4ngerer Pause ist sie heute wieder einmal da, und ich bin gespannt.<br \/>\n<!--more Zum ganzen Artikel --><\/p>\n<p>Schon auf dem Weg vom Warte- zum Sprechzimmer best\u00fcrmt sie mich mit ersten Informationen: &#8222;Mit mir ist nichts mehr los&#8220; bekomme ich zu h\u00f6ren, bevor wir auch nur sitzen. Sie wirkt agil und lebendig. Sie ist 78 Jahre alt, dabei schlank, beweglich und elegant. Mir f\u00e4llt eine Designer-Sonnenbrille auf, die sie sich ins Haar gesteckt hat und mehrere Ringe an den Fingern, so ungew\u00f6hnlich, dass ich sie betrachten muss. Wie immer hat sie sich auf einem Zettel notiert, was sie mir mitteilen will. Mit einem dicken Druckbleistift schreibt sie in altmodischer, aber gut lesbarer Schrift.<\/p>\n<p>&#8222;Herr Dr. Klinge: seit gestern bin ich immer so schwindelig. Ich glaube, ich kippe um. Hoffentlich geht das gut. Ich will doch \u00fcbermorgen verreisen, aber das kann ich so bestimmt gar nicht. Was soll ich nur tun?&#8220; bringt sie so schnell und intensiv heraus, dass ich schon vom Zuh\u00f6ren schwindelig und etwas kurzatmig werde. Ohne Pause springt sie zum n\u00e4chsten Punkt auf ihrem Zettel und bedr\u00e4ngt mich mit der Frage, ob sie ihren S\u00e4ureblocker gegen das unangenehme Sodbrennen denn immer noch nehmen soll. Ob wir nicht mal wieder eine Magenspiegelung vornehmen m\u00fcssten und ob nicht doch eine Blutuntersuchung notwenig ist.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck kenne ich Frau Uhland schon ein paar Jahre und bin mit ihrer druckvollen Art inzwischen vertraut geworden. Als ich sie noch kurz kannte, bin ich w\u00e4hrend der Konsultation immer ganz &#8222;wuschig&#8220; geworden und verlor f\u00fcr eine Zeit meine F\u00e4higkeit, klar zu denken. Ich habe sie dann abrupt gestoppt und sie ermahnt, die Probleme einzeln vorzutragen. Es ist nicht meine Art, so zu reden, aber bei Frau Uhland schien es mir nicht anders m\u00f6glich. Ich war \u00fcber mich selbst erstaunt.<br \/>\nGen\u00fctzt hat es \u00fcbrigens gar nichts. Frau Uhland war nach einer solchen Ermahnung ganz schuldbewusst und wirkte eingesch\u00fcchtert. Aber ihre Probleme konnte sie nunmal nicht strukturierter vortragen.<\/p>\n<p>Vielen Patienten f\u00e4llt es mitunter schwer, ihre Anliegen beim Besuch in der Sprechstunde in eine handhabbare Form zu bringen. Sie sind sich h\u00e4ufig ihres Anliegens, das sie zum Arzt gef\u00fchrt hat, gar nicht bewusst und k\u00f6nnen es nicht genau benennen. Dann ist die teilweise kriminalistisch anmutende Arbeit gefordert, dass eigentliche Problem zu ergr\u00fcnden und zu Tage zu f\u00f6rdern. Dazu bedarf es h\u00e4ufig einer \u00dcbersetzungsleistung. Hierbei werden die ungeordneten Schilderungen sortiert, abstrahiert und zusammengefasst. Diese Phase ist au\u00dferordentlich spannend, denn h\u00e4ufig kann der Patient nach einer ersten Zusammenfassung durch den Arzt seine Beschwerden pr\u00e4zisieren und selbst besser erkennen. Aus nicht zusammenh\u00e4ngenden Symptomschilderungen wird im Gespr\u00e4ch zwischen Arzt und Patient dann Schritt f\u00fcr Schritt eine immer akkuratere Beschreibung des Problems.<\/p>\n<p>Mit Frau Uhland hatte ich bereits Termine, bei denen ich ihre zahlreichen Anliegen sortieren und formatieren musste. Ich habe dabei gelernt, dass ich mich von ihrer Unruhe nicht anstecken lassen darf, da ich sonst auch die Form zu verlieren drohe. Ich bin dann in der Gefahr, mit \u00e4rztlichen Automatismen zu reagieren: wegen des Sodbrennens eine Gastroskopie, wegen des Schwindels eine \u00dcberweisung zum Neurologen. Die Reihe l\u00e4sst sich leicht fortsetzen. Nichts davon ist eigentlich falsch, aber bei vielen Patienten kommt man damit einer L\u00f6sung des Problems nicht n\u00e4her, denn das eigentliche Problem ist in dieser fr\u00fchen Phase noch gar nicht erkennbar. Zus\u00e4tzlich tr\u00e4gt jede in dieser Phase veranlasste Untersuchung das Risiko in sich, dass unwichtige, nicht relevante Zufallsbefunde die Komplexit\u00e4t das Problems erh\u00f6hen und vom eigentlichen Weg in die Irre f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Viele Patienten sind mit solch \u00e4rztlichen Automatismen aber sehr zufrieden. Sie scheinen sogar zu erwarten, dass jede Beschwerde in irgendeiner Form eine \u00e4rztliche Aktion ausl\u00f6st. Nicht selten sind sie unzufrieden, wenn auf die dr\u00e4ngende Schilderung von Beschwerden keine typische \u00e4rztliche Ma\u00dfnahme erfolgt.<\/p>\n<p>Auch Frau Uhland ist gar nicht damit einverstanden, dass ich ihre wechselnden Beschwerden nur anh\u00f6re und nicht gleich eine \u00e4rztliche Ma\u00dfnahme vorschlage. Sie f\u00fchrt bei unseren Gespr\u00e4chen immer eine Art Protokoll, indem sie meine Kommentare oder Vorschl\u00e4ge direkt neben ihr Anliegen auf den von ihr mitgebrachten Zettel schreibt. Wenn ich auf ein Problem auf ihrem Zettel keine direkte Aktion oder Antwort anbiete, wei\u00df sie nicht, was sie notieren soll.<\/p>\n<p>Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass Frau Uhland eine Vorliebe f\u00fcr organisierte St\u00e4dtereisen hat. Sie freut sich immer sehr auf die besonderen Orte, die dabei besucht werden. Kurz vorher wird sie aber dann von einer \u00e4ngstlichen Vorahnung ergriffen und bef\u00fcrchtet, den Anstrengungen der Reise nicht gewachsen zu sein. Sie ger\u00e4t dabei in einen Zustand, in dem sie intensiv beobachtet, ob sie nicht Symptome einer herannahenden Erkrankungen bei sich entdeckt. Bei diesem In-sich-hinein-Horchen wird sie dann von einer Vielzahl von harmlosen Beschwerden \u00fcberschwemmt und stellt sich in gro\u00dfer Sorge ein oder zwei Tage vor der Abreise bei mir vor.<\/p>\n<p>Bei den ersten Episoden dieser Art hatte ich den spontanen Impuls, ihr von einer Reise abzuraten. Bei ruhigerer Betrachtung konnte ich aber gar keinen Grund f\u00fcr einen solchen Ratschlag finden. Frau Uhland erfreut sich jedesmal bester Gesundheit und ist sehr vital. Ich habe ihr daher dazu geraten, die Reise doch anzutreten, auf die sie sich ja auch freute. Ich sei nicht in Sorge, dass sie auf der Reise ernsthaft erkranken w\u00fcrde. Sie war \u00fcber meine Sicherheit zun\u00e4chst sehr erstaunt. Ob ich nicht doch noch eine Blutuntersuchung veranlassen wolle, um mir ganz sicher zu sein. Nachdem ich diesem Dr\u00e4ngen mehrfach nicht nachgegeben hatte, verlangte sie bei \u00e4hnlichen Anl\u00e4ssen gar nicht mehr danach.<\/p>\n<p>So haben sich mit der Zeit unsere Besprechungen anl\u00e4sslich der anstehenden Reisen ver\u00e4ndert. Das zeigt sich auch bei unserem heutigen Termin. Nachdem sie die Liste mit ihren Beschwerden vorgetragen hat, meinte sie, dass sie sich ja mittlerweile kennt. Dies ist nunmal ihr typisches Befinden vor einer Reise. Doch holt sie sich immer noch gerne meine Best\u00e4tigung ein, damit ihr kein Ungemach droht. Ihre Beschwerden waren auch heute wieder ganz harmlos. Ich habe ihr diesen Gefallen gerne getan.<\/p>\n<p>Die Erlebnisse mit Frau Uhland f\u00fchrten mich zu der Frage, wie man mit den W\u00fcnschen der Patienten nach \u00e4rztlichen Automatismen denn am besten umgehen soll. Mir kamen dabei zwei Extreme der Betrachtung in den Sinn:<\/p>\n<p>In einem Extrem w\u00fcrden alle Beschwerdeschilderungen des Patienten zu keiner weiteren Aktion f\u00fchren, um auf keinen Fall bedeutungslose Ma\u00dfnahmen zu ergreifen.<\/p>\n<p>Im anderen Extrem w\u00fcrde jede vom Patienten ge\u00e4u\u00dferte Beschwerde mit allen Ma\u00dfnahmen beantwortet, die auch nur einigerma\u00dfen hilfreich sein k\u00f6nnten, um &#8222;die Symptome weiter abzukl\u00e4ren&#8220; und nichts zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>In der Realit\u00e4t bewegen wir uns als \u00c4rzte immer irgendwo zwischen diesen Extremen und nehmen meist selbst gar nicht wahr, welchem Pol wir gerade n\u00e4her sind. Wahrscheinlich hat jeder Arzt f\u00fcr sich eine Tendenz zu der einen oder anderen Seite die f\u00fcr ihn spezifisch ist und durch seine Pers\u00f6nlichkeit und seine Erfahrungen gepr\u00e4gt wurde. Letztlich hat jeder seinen pers\u00f6nlichen Bereich auf dieser Skala in dem er variiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Frau Uhland zu mir in die Sprechstunde kommt, dann ist immer etwas Besonderes passiert. Sie kommt daher auch nicht zu einem vorher geplanten Termin, sondern ruft die Arzthelferinnen an, um einen ganz kurzfristigen Zwischentermin zu vereinbaren. Nach l\u00e4ngerer Pause ist sie heute wieder einmal da, und ich bin gespannt. 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