{"id":135,"date":"2012-09-22T20:09:41","date_gmt":"2012-09-22T18:09:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.honighebel.de\/?p=135"},"modified":"2019-11-25T12:40:49","modified_gmt":"2019-11-25T10:40:49","slug":"ein-fall-von-akzeptanzstorung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.honighebel.de\/?p=135","title":{"rendered":"001 &#8211;   Ein Fall von Akzeptanzst\u00f6rung?"},"content":{"rendered":"<p>Als ich mit der Nachmittagssprechstunde beginne und mir die Liste der Patienten f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Stunden ansehe, entdecke ich den Namen von Frau Abel.<\/p>\n<p>Frau Abel ist schon seit fast 10 Jahren meine Patientin, aber sie kommt nur selten zu mir in die Sprechstunde.<br \/>\n<!--more Zum ganzen Artikel -->Anf\u00e4nglich hat mich das sehr gest\u00f6rt. Ihr Diabetes ist meist nicht sonderlich gut eingestellt und bei unseren Treffen habe ich immer sehr aktiv Vorschl\u00e4ge gemacht, wie sie eine Verbesserung erzielen k\u00f6nnte. Ver\u00e4nderungen der Insulindosis, Tipps wie sie Bewegung besser in den Tagesablauf integrieren kann und das leidige Thema des F\u00fchrens eines Blutzucker-Tagebuchs. Ich habe ihr immer wieder das gesamt Repertoire der praktischen Diabetologie als Hilfe angeboten. Dazu geh\u00f6rte auch das Angebot zur Teilnahme an einer Diabetiker-Schulung. Bei uns in der Praxis oder in der darauf spezialisierten Klinik in unserer Stadt.<\/p>\n<p>Frau Abel hat auf alle meine Angebote immer sehr freundlich, aber k\u00fchl und distanziert reagiert. Mein Eindruck war, dass Sie keinen meiner Vorschl\u00e4ge umsetzen w\u00fcrde und sich zwischen uns so etwas wie eine Glasscheibe befand. Leicht milchig. Sie ist nie zu einer Schulung gegangen. In meine Sprechstunde kam sie einmal im Jahr und ich hatte den Eindruck, sie tat es um einer Pflicht gen\u00fcge zu tun. Sie bat um die Verordnung der notwendigen Medikamente und manchmal brauchte sie auch ein Attest f\u00fcr eine anstehende Flugreise. Auf diesem Wege hat sie den Kontakt zu mir nie ganz abrei\u00dfen lassen.<\/p>\n<p>Schaut man nur auf den HbA1c-Wert, ist Frau Abel bei der Behandlung ihres Diabetes wenig erfolgreich. Der Wert, den sie ein- bis zweimal pro Jahr bei mir bestimmen l\u00e4sst, liegt deutlich zu hoch. Lange Zeit hatte ich die Vorstellung, ich m\u00fcsse daran etwas \u00e4ndern.<\/p>\n<p>In dieser Zeit begegnete ich bei Fortbildungen und wissenschaftlichen Tagungen immer wieder dem Begriff der Akzeptanzst\u00f6rung. In unterschiedlichen Vortr\u00e4gen und bei der Vorstellung von Kasuistiken wurde dieses Ph\u00e4nomen erw\u00e4hnt, das wohl jeder Arzt bei Patienten mit chronischen Erkrankungen kennt.<\/p>\n<p>Dabei geht es darum, dass ein Mensch sich nicht damit abfinden kann, lebenslang krank zu sein. Im Fall des Diabetes muss er zus\u00e4tzlich eine belastende und bel\u00e4stigende Therapie durchf\u00fchren, um eine Entgleisung seines Stoffwechsels zu vermeiden. Im Falle einer Akzeptanzst\u00f6rung gelingt die Umsetzung dieser Behandlung nur unzureichend. Zu hohe Blutzuckerwerte sind die Folge.<\/p>\n<p>F\u00fcr Patient und Arzt gilt es in einem solchen Fall, eine Spannung auszuhalten. Die Spannung, dass es zwischen dem Empfehlenswerten und dem M\u00f6glichen eine Differenz gibt. Dies ist sowohl f\u00fcr den Patienten als auch f\u00fcr den Arzt anstrengend und schwierig.<\/p>\n<p>Auf der Seite des Arztes kann diese Spannung dazu f\u00fchren, in eine beurteilende Haltung abzurutschen. Gegen\u00fcber dem Patienten kommt dies einer unausgesprochenen Aufforderung gleich: &#8222;Nun akzeptieren sie doch endlich ihre Diabeteserkrankung!&#8220;<\/p>\n<p>Im Nachhinein bin ich \u00fcber mich selber erstaunt: ich hatte mir diese beurteilende Haltung zu eigen gemacht. Damals habe ich das \u00fcberhaupt nicht bemerkt. Ich war froh, mit der Akzeptanzst\u00f6rung endlich einen fassbaren Begriff f\u00fcr dies h\u00e4ufige und auch f\u00fcr mich als Arzt belastende Ph\u00e4nomen zu haben. Ich hatte jetzt einen Namen f\u00fcr das Problem gefunden, kam aber mit meinen Patienten nicht weiter als zuvor.<\/p>\n<p>Im Verlauf der Jahre kam ich zunehmend ins Zweifeln. Muss ein Patient wirklich akzeptieren, dass er eine chronische Krankheit hat? Und was genau bedeutet das Wort Akzeptanz?<\/p>\n<p>Im Brockhaus von 2005 findet sich der Begriff gar nicht. In der Ausgabe von 1986 wird Akzeptanz als &#8222;zun\u00e4chst bejahende \u2026 Einstellung von Personen gegen\u00fcber normativen Prinzipien&#8220; definiert. In der Wikipedia findet sich eine Definition die \u00fcber das lateinische Wort accipere die Bedeutung der Akzeptanz als &#8222;guthei\u00dfen, annehmen, billigen&#8220; definiert. Zus\u00e4tzlich wird beschrieben dass &#8222;Akzeptanz ein zustimmendes Werturteil ausdr\u00fcckt&#8220;.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger ich dar\u00fcber nachdachte, desto sicherer war ich mir. Es kann nicht gesund sein, eine Erkrankung wie den Diabetes zu bejahen und gutzuhei\u00dfen. Ein freudig an Diabetes erkrankter Mensch kommt mir wie ein Zerrbild von Compliance vor. Warum sollte man einen \u00dcbelstand von der Gr\u00f6\u00dfe eines Diabetes akzeptieren? Eine chronische Erkrankung wie einen Diabetes zu haben, ist ein Stachel der f\u00fcr immer bleibt.<\/p>\n<p>Noch bis weit in die 1980er Jahre hinein war das Compliance-Modell das einzig anerkannte Modell f\u00fcr die Arzt-Patienten-Beziehung. Der Arzt hat gegen\u00fcber dem Patienten in diesem Modell eine \u00fcbergeordnete Rolle. Er gibt die Ziele der Behandlung vor und legt fest, wie sie umgesetzt werden. Der Patient wird hierbei nicht nach seinen W\u00fcnschen gefragt und erh\u00e4lt im Zweifel gar nicht alle vorliegenden Informationen. Es war zum Beispiel nicht allgemein \u00fcblich, dem Patienten eine Krebsdiagnose mitzuteilen. Er musste den Vorgaben des Arztes blind vertrauen.<\/p>\n<p>Vom Patienten wird im Compliance-Modell die Befolgung der \u00e4rztlichen Anordnungen erwartet. Wenn der Arzt entscheidet, dass ab jetzt eine Insulintherapie notwendig ist, muss der Patient sie durchf\u00fchren, also gehorsam sein. Tut der Patient dies nicht, hat er keine Compliance.<\/p>\n<p>Frau Abel w\u00e4re in diesem Modell ein Fall von Non-Compliance. Sie f\u00fchrt die \u00e4rztlichen Anordnungen nicht umfassend und korrekt durch. Der mangelnde Erfolg, der sich in den zu hohen Blutzuckerwerten zeigt, ist ihre Schuld und Folge ihrer Eigenwilligkeit, mit der sie sich den \u00e4rztlichen Anordnungen widersetzt.<\/p>\n<p>In der Diabetologie hat in den 1990er Jahren das Empowerment-Modell Einzug gehalten. In diesem Modell geschieht nichts ohne Einverst\u00e4ndnis und Zustimmung des Patienten. Die Rolle des Arztes unterscheidet sich deutlich vom Compliance-Modell.<\/p>\n<p>Der Arzt gibt nicht vor welche Behandlung durchgef\u00fchrt wird. Er stellt alle Optionen m\u00f6glichst objektiv im Rahmen eines Beratungsgespr\u00e4chs dar. Auch weist er auf m\u00f6gliche Risiken hin. Die Entscheidung trifft der Patient dann auf der Basis dieser umfassenden Informationen. Seine Entscheidung gilt, auch wenn der Arzt eine andere Entscheidung bevorzugt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Der Patient wird seine guten Gr\u00fcnde haben, warum er gerade diese Entscheidung getroffen hat. Mal wird der Arzt diese guten Gr\u00fcnde erfahren, mal werden sie im Dunkeln bleiben.<\/p>\n<p>Im Empowerment-Modell ist Frau Abels Umgang mit ihrem Diabetes in Ordnung. Sie wird ihre guten Gr\u00fcnde haben, warum sie sich nicht mehr um ihren Diabetes k\u00fcmmert. Vielleicht wird sie dies irgendwann einmal \u00e4ndern, vielleicht auch nie. Diese Ungewissheit gemeinsam mit ihr auszuhalten ist hierbei die \u00e4rztliche Aufgabe. Bei der umfassenden Betrachtung ihrer Situation ist Frau Abel mit der Behandlung ihres Diabetes durchaus erfolgreich. Sie schafft es heftige Stoffwechselentgleisungen zu verhindern und geht zu \u00e4rztlichen Kontrolluntersuchungen.<\/p>\n<p>Nach meiner Auffassung k\u00f6nnen Patienten mit einem Diabetes ruhig eine Akzeptanzst\u00f6rung haben. Was sie aber unbedingt ben\u00f6tigen, ist eine Art Toleranz ihres andauernden Zustandes durch sie selbst. In Brockhaus und Wikipedia finden sich als Beschreibung f\u00fcr die Toleranz &#8222;Duldsamkeit&#8220;, &#8222;Geltenlassen und Gew\u00e4hrenlassen fremder \u00dcberzeugungen, Handlungsweisen oder Sitten&#8220;. Hiermit ist das erw\u00fcnschte Verh\u00e4ltnis des Diabetespatienten zu sich selbst gut beschrieben.<\/p>\n<p>Die aus geheimnisvoller Ursache erh\u00f6hten Blutzuckerwerte und die f\u00fcr die Besserung notwendigen Handlungen sind zu Beginn f\u00fcr alle Patienten fremd und bleiben es zu einem Teil auch f\u00fcr immer. Der Patient muss tolerieren, dass sein K\u00f6rper die F\u00e4higkeit zur eigenst\u00e4ndigen Regulation des Blutzucker verloren hat. Er muss durch Ma\u00dfnahmen von au\u00dfen daf\u00fcr sorgen, dass der Blutzucker nicht entgleist.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis zwischen Frau Abel und mir hat sich im Verlauf deutlich entspannt, nachdem ich akzeptiert habe, dass sie ihren Diabetes nicht akzeptieren will. Zum Gl\u00fcck toleriert sie ihren Diabetes einigerma\u00dfen, denn sie spritzt regelm\u00e4\u00dfig Insulin und misst leidlich h\u00e4ufig ihren Blutzucker. Sie kommt seitdem h\u00e4ufiger in meine Sprechstunde und die leicht milchige Glasscheibe zwischen uns ist mittlerweile fast klar geworden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich mit der Nachmittagssprechstunde beginne und mir die Liste der Patienten f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Stunden ansehe, entdecke ich den Namen von Frau Abel. Frau Abel ist schon seit fast 10 Jahren meine Patientin, aber sie kommt nur selten zu mir in die Sprechstunde. 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